Vor 35 Jahren rief Mao Tse-tung vom Tor des Himmlischen Friedens in Peking die Volksrepublik China aus. Das chinesische Volk, so lautete die selbstbewußte Botschaft des Revolutionärs, habe sich erhoben, das Joch feudaler Knechtschaft und kolonialer Bevormundung abgeworfen. In dieser Woche paradierte die Armee zum Jahrestag in Peking vor einem neuen Herrscher. Das Militär, lange Zeit letzte Bastion der maoistischen Opposition, erwies Deng Xiaoping seine Referenz.

Seit Gründung der Volksrepublik sind viele Blütenträume zerstoben. Der neue Mensch, den Mao schaffen wollte, blieb Utopie. Vor acht Jahren wurde der Republik-Gründer zu Grabe getragen. Zwei Jahre nach seinem Tod und Jahrzehnten politischer Wirren und gescheiterter Wirtschafts-Experimente machte sich sein ewiger Widersacher, der inzwischen 80jährige Deng, mit ungebrochener Willenskraft daran, China auf den Weg der Erneuerung zu führen. Der pragmatische Reformer triumphierte über den Visionär.

Deng ist heute unangefochten. Chinas Bilanz nach sechs Jahren seiner Reformen kann sich sehen lassen. Die Wirtschaft ist auf Touren gekommen, die Menschen haben wieder Zutrauen in die politische Führung gefaßt. Auf dem Platz, von dem Mao einst den Sieg seiner Revolution ausrief, verkündete sein Nachfolger: „Unser ganzes Volk hat heute Grund, stolz zu sein.“ M. N.