Anderswo werden wenigstens Premieren verschoben, brechen sich Hauptdarsteller zwei Tage vor Saisonbeginn drei Zehen oder nehmen ihre „Ödipus“-Grippe, wandern ganze „Parks“ von Uraufführungshauptstädten in Uraufführungsprovinzen, ist überhaupt alles durcheinander. Anderswo also ist das Theater aufregend. In Stuttgart aber findet es nur statt, unerbittlich, unerschütterlich – und immer so laut. Premiere um Premiere in nimmermüdem Fleiß. Da sich im wesentlichen keine Inszenierung von der anderen unterscheidet, dürfen die letzten fünf Jahre Stuttgarter Theaters, die Heyme-Zeit also, als eine einzige große Aufführung betrachtet werden.

Als gäbe es die Welt draußen nicht, als nähme man die vielen Stile, Formen, Versuche und Verzweiflungen, Glücksmomente und Gefälligkeiten, die Kunst und das Kunstgewerbe, die Fertig- und die Ratlosigkeiten der übrigen deutschen Theater nicht wahr, wird Stuttgart von einer großen, grauen Wolke überschattet, aber auch geschützt und abgeschirmt: aus der regnet der „Stuttgarter Stil“ herab.

Dieser Stil verlangt, daß zum Beispiel Jünglinge, seien sie nun spanische Thronfolger oder preußische Prinzen oder atomverseuchte Professorensöhne oder süditalienische Königskinder oder Tempelherrn, wenn sie Schmerzen haben, sich auf dem Boden wälzen, wenn sie erregt sind, den Kopf in den Nacken werfen, im Normalzustand aber unaufhörlich taumeln. Ihr Ausdruck ist der japsende Schrei. Sie wirken immer so, als kämen sie eigentlich aus dem altdeutschen Chargentheater. Dort trugen die Jünglinge wenigstens bequeme offene Schillerkragen. Bei Heyme scheint innen nur ein lufthemmender, halswürgender Kragenknopf verpaßt worden zu sein.

Junge Mädchen benehmen sich auf dem Stuttgarter Theater ähnlich den Jünglingen, nur in einer Variante anders: sie stoßen gerne mit ihren Köpfchen rhythmisch gegen Wände, und wo die Jünglinge japsen, da fangen die Mädchen an, laut zu singen.

Überhaupt kommen Frauen bei Heyme nur in ihrer hysterischen Form vor. Ihr Prototyp ist die Schauspielerin Margit Carstensen. Ihre Schreie, ihr Mezzo-Hystero-Sopran, ihre Kunstfertigkeit, die Hände vor den Mund zu pressen, die Schultern erregt zucken zu lassen, das minutenlange Zittern ihrer Unterlippe – das sind lauter Funktionsteile eines perfekten Frauen-Roboters. Menschliche Regungen gehen unter in künstlichen Bewegungen.

Heymes Theater hat eine ideologische (dramaturgische) Rechtferigung: es gäbe zwischen dem einzelnen und seiner Geschichte keine Verbindungen mehr, nur noch Risse. Das sagt Heiner Müller auch. Nur füllt Müller die Risse mit Lyrik und kommt so leicht von Kante zu Kante. Heyme aber inszeniert immer nur Risse: also fällt da alles durch.

Da Heyme sich weder für Menschen noch für Geschichte ernsthaft zu interessieren vermag, wirken seine Inszenierungen so angestrengt wie bieder. Auf der einen Seite des Risses liegt irgendwie dunkel und simpel „die Geschichte“, auf der anderen befinden sich „die Menschen“, die kein anderes Lebensmotiv zu kennen scheinen, als vor der Leere des Risses zu rasen. Wer aber immer nur rast, verkommt sehr rasch zum Klischee von Verzweiflung. So stellt sich der kleine Moritz die Abgründigen wohl vor: taumelnd, schreiend, jiepernd. Der Biedermann-Regisseur als Hysterienstifter. Da alles eins ist, wird dabei auch die helle Vernunft allemal wahnsinnig, der dunkle Wahnsinn aber schal und lächerlich.