Von Regina Oehler

Der Schlaf hat einen Bruder, den Tod. Wie die Träume sind Schlaf und Tod Kinder der Nyx, der aus dem Chaos entstandenen Nachtgöttin der griechischen Mythologie. Wenn der Schlaf die Menschen überkommt, entrückt er sie. Er kann bleiern kommen oder leicht, friedlich oder unruhig, mit süßen Träumen oder mit Alpdrücken. Und er kann ausbleiben – für zahllose Menschen eine schwere Folter. Noch heute hat der Schlaf für uns etwas Unfaßbares, Unkontrollierbares. Warum wir so viele Jahre unseres Lebens im Schlaf verbringen, ist nach wie vor ein Rätsel. Auch das mitternachtsblau gebundene Buch des Züricher Schlafforschers

Alexander Borbely: „Das Geheimnis des Schlafes“, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1984; 272 Seiten, 29,80 DM,

vermag es nicht zu lösen. Aber es bietet einen ausgezeichneten Überblick darüber, was in den Schlaflabors von Chicago und Lyon, von Zürich und München im Lauf der letzten Jahre über den Schlaf zutage gebracht wurde. Zusammengenommen ergeben die bruchstückhaften Einblicke in das Geheimnis, des Schlafes ein faszinierendes Puzzle-Spiel.

Lange Zeit schenkten die Schlafforscher jener bizarren Schlafphase die meiste Aufmerksamkeit, in der sich nur die Augäpfel ruckartig hin- und herbewegen, während der restliche Körper wie gelähmt daliegt; die Rapid Eye Movement-Phase, kurz REM-Phase. Die Wissenschaftler nahmen an, daß der Mensch nur in der REM-Phase träumt und daß eine ausreichende Menge an REM-Schlaf unerläßlich für die seelische Gesundheit ist. Neueren Forschungsergebnissen zufolge treten Träume auch in den Stadien des Tiefschlafs vor und nach den REM-Phasen auf, in denen die elektrische Aktivität des Gehirns in ruhigen, langsamen Wellen schwingt. Außerdem kann Schlaf auch ohne REM-Phasen erholsam sein.

Rätselhaft bleibt jedoch, warum wir Tag für Tag etwa zur gewohnten Zeit schläfrig werden und in einen mehrphasigen Schlaf verfallen, von dem wir dann nach sieben bis neun Stunden (hoffentlich) erfrischt wieder erwachen. Zum einen scheint die Steuerung des Schlafes von einem inneren Zeitgeber, einer inneren Uhr, abzuhängen. Sie gibt die Ruhe- und Aktivitätsphasen des Organismus vor. Die Hauptrolle spielen dabei möglicherweise kleine, abgrenzbare Gebiete im Zwischenhirn, die sogenannten suprochiasmatischen Kerne (sie liegen direkt über dem Chiasma opticum, der Sehnervenkreuzung).

Zum anderen könnte aber auch der Pariser Physiologe Henri Pieron recht gehabt haben, als er Anfang dieses Jahrhunderts „Schlafgifte“ in der Gehirnflüssigkeit postulierte: Offensichtlich gibt es körpereigene Schlafstoffe. Borbely nimmt an, daß der Drang zu schlafen mit der Konzentration dieser Stoffe zunimmt. Welche der zahllosen Produkte des Gehirns aber tatsächlich „Schlafstoffe“ sind, darüber streiten sich die Gelehrten noch (einer der prominentesten Schlafstoff-Kandidaten ist das Delta Sleep Inducing Peptide aus dem Mittelhirn, eine den sogenannten Delta-Schlaf einleitende Substanz).