Zu der seltenen Spezies deutscher Dichter, deren Arbeiten von Geschichte geprägt waren, ihren Ursprung in ihr hatten und sich immer wieder auf sie bezogen, gehörte auch Erich Arendt. Freilich: poetisierenden Geschichtsunterricht hat er nie erteilt. Geschichte, wie sie in seinen Texten erscheint, ist aller äußerlichen Aktualität entkleidet, gar unpolitisch für den oberflächlichen Betrachter. Da sie auf ihre Substanz reduziert wird, häufig verdeutlicht in Naturbildern, in Gleichnissen, die sich aus dem Fundus der Antike speisen, wirkt sie, die Geschichte, das Geschichtliche in Arendts Dichtung mythisch. Sie aus den oftmals sich sperrenden, widerstrebenden Zeilen herauszulesen, herauszulösen, bedarf es eigener Geschichtskenntnis oder besser noch: eigener Leidenserfahrung. Von der besaß Arendt ein gerüttelt Maß, hier nur mit ein paar wenigen Hinweisen auf seine Biographie andeutbar. Bei Hitlers Machtantritt emigriert er in einem Alter, in welchem gewöhnlich ein Dichter, falls er einer ist, seinen ersten Ruhm erntet: mit dreißig Jahren. Von 1936 bis 1939 nimmt er als Soldat am spanischen Bürgerkrieg teil, schlägt sich mit seiner Frau Katja Hajek über Frankreich, Curaçao und Trinidad nach Kolumbien durch, wo er bis 1950 lebt. Aus der Rückkehr nach Deutschland wird die Übersiedlung in die DDR, wo die kulturelle Selbstisolation in vollem Gange ist. Der „sozialistische Realismus“ wird den Autoren eingebleut. Arendts Nachdichtungen von Neruda, Guillén, Alberti und anderen großen Lyrikern wirken in jenen Jahren wie der Spalt in einem brettervernagelten Fenster: ein wenig Licht fiel herein. Für diese Jahre wie für die folgenden galt, was er in seinem Gedicht über Frantisek Halas geschrieben hat: „Verlöscht / die Kerzen der Gräber, es kamen / die eisernen Harken, die Wege / zu ebnen eines kleinen Erinnerns ...“

Erinnern und Eingedenken der steten Wiederkehr des Unheilsund des Schreckens sind die Voraussetzung dieser Gedichte; denn „Rasch wächst das dürre Gras Vergessen: / Wir mähen es / ab mit den Zähnen des Worts ...“

In solchen Zeilen gibt sich der programmatische Impetus zu erkennen. Arendts Sprache, erfüllt von abgeschliffenen Exotismen des Expressionismus, zugleich karg, fast ärmlich, schafft den seltsamen Eindruck eines nicht völlig entzifferten, aus ferner Vergangenheit auf uns gekommenen Inscriptoriums, das unser Bemühen herausfordert, wenn wir die Wahrheit dessen wissen wollen, wovon es spricht. Wie die letzten seiner Gedichte, die Arendt schon nahe dem achtzigsten Lebensjahr schrieb, so bewegt, bewegend, lebendig blieb er selber bis ins hohe Alter. Jünglingshaft. Kindlich. Später auch kindisch, natürlicherweise. Kein zweiter Lyriker widersprach wohl durch seine Erscheinung und Wesensart dermaßen seinen Werken wie Arendt. Stets heiter gestimmt, lächelnd, lachbereit, verliebt wie ein Primaner, über den Abgrund, den er auf seine Weise thematisierte, hinwegtänzelnd. So erinnere ich mich, ihn einmal auf der Straße „Unter den Linden“ in Ost-Berlin gesehen zu haben, an einem naßkalten Frühjahrstag, die eiligen Passanten in Mänteln und Hüten, grau in grau, und dazwischen eine hohe Gestalt, alle anderen überragend, das füllige weiße Haar weithin sichtbar, gekleidet in einen hellen Sommeranzug mit einer roten Rose im Knopfloch – wie ein Fabelwesen von einem Planeten, der nur bedingt mit der Erde identisch ist.

Günter Kunert