Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Oktober

Am kommenden Sonntag wird Richard von Weizsäcker ganz bei sich selber sein. Da fällt es ihm zu, in der Frankfurter Paulskirche die Laudatio auf Octavio Paz zu halten, zur Verleihung des vom Buchhandel gestifteten Friedenspreises. Er kennt den mexikanischen Schriftsteller, Essayisten und Dichter persönlich, dennoch betritt er Neuland. Darum hat der Bundespräsident inzwischen so gut wie alles von Paz gelesen, nicht nur aus diesem Anlaß. Die Rede auf den Preisträger stammt von Anfang bis Ende aus seiner Feder; sie ist in tagelanger Klausur entstanden.

Sie wird, darauf lassen seine Andeutungen schließen, ein Versuch sein, den lateinamerikanischen Kontinent für jene europäischen Augen zu öffnen, die ihn nur als ein marodes Gebilde sehen, geprägt von Armut, Ungerechtigkeit, Putschen, immenser Verschuldung. Sie wird, zur Korrektur solcher Einengungen, handeln von der lateinamerikanischen Kultur und vor allem von der schwierigen, immer wieder zurückgeworfenen Suche dieses Weltteils nach eigener Identität, wie sie sich in den Werken von Octavio Paz ausdrückt.

Der Bundespräsident fast wie Hieronymus im Gehäuse und dennoch auf Entdeckungsfahrt: Da ist Richard von Weizsäcker ganz bei sich selber. Neugier war wohl schon immer sein hervorstechendster Charakterzug. Sie beginnt bei dem Frühaufsteher, ganz trivial, schon morgens um sechs mit intensiver Zeitungslektüre – ohnehin eine Leidenschaft, Teil seines Sondensystems, mit dem er nicht nur erfaßt, was sich ereignet, sondern abtastet, was in den Köpfen vorgeht. Die „Morgenlage“ im Amt hat, neben dem täglichen Kram, oft damit zu tun: Was steckt hinter den Ereignissen, und fügt sich ihre laufende Chronik zu einem Muster? Das führt, berichten Mitarbeiter, zu aufregenden Diskussionen.

Die von der Verfassung zugemessenen Aufgaben kommen darüber nicht zu kurz – weder die des Staatsnotars bei der Ausfertigung der Gesetze samt der Prüfung, ob sie ordnungsgemäß zustande gekommen sind, noch die Aufgabe der Repräsentation nach außen, mit Staatsbesuchen, der erste im November in Frankreich. Aber schon geht dem Querdenker Weizsäcker durch den Kopf, ob es bei Reisen in entfernteren Gegenden denn immer bei der Routine bleiben müsse, nur solche Länder zu besuchen, die halbwegs der Kleiderordnung westlicher Demokratien genügen. Warum also immer nur Thailand?

Jenseits des herkömmlichen Rollenspiels aber ist gar kein Zweifel, daß Weizsäcker in erster Linie jene Aufgabe fasziniert, von der nichts im Grundgesetz steht: die „schwebende Wirksamkeit“ des Präsidenten, wenn er sich zu den Themen hinter den Tagesthemen äußert. Keine Rezepte, das nicht; aber Fragen, und die Ermunterung von Fragestellungen, auch das Infragestellen – wobei nun wiederum die Art der eigenen Fragen und der Ermunterung schon manche Schneise vorzeichnen mag.