Von Octavio Paz

Die Grenze zwischen den beiden Ländern überschreiten heißt von einer Kultur in die andere geraten. Die Nordamerikaner sind Kinder der Reformation, ihr Ursprung ist der der modernen Welt; die Mexikaner sind Kinder des spanischen Reiches, des Vorreiters der Gegenreform, einer Bewegung, die sich der entstehenden Modernität entgegenstellte und dabei scheiterte. Unsere Haltungen gegenüber der Zeit drücken unsere Unterschiede in aller Deutlichkeit aus: Die Nordamerikaner überschätzen die Zukunft und verehren den Wandel; wir Mexikaner halten uns nach dem Bild unserer Pyramiden und Kathedralen an Werte, die wir als unwandelbar erachten, und an Symbole, die wie das der Jungfrau von Guadalupe Dauerhaftigkeit verkörpern. Gleichsam als Gegengewicht zu ihrem maßlosen Zukunftskult sind die Nordamerikaner ständig auf der Suche nach ihren Wurzeln und Ursprüngen; umgekehrt suchen die Mexikaner unser Land zu mozehnten Jahrhunderts ein Kampf um Modernität. Ein oftmals tragischer und nicht selten vergeblicher Kampf. Davon nichts zu wissen heißt das zeitgenössische Mexiko mit dem Auf und Ab seiner Wirtschaft und dem Zickzackkurs seines politischen Systems nicht verstehen.

Von Anfang an haben die Mexikaner die materiellen und psychologischen Unterschiede wahrgenommen, die sie von den Nordamerikanern trennen. Ebenfalls von Anfang an wurden diese Unterschiede mythisch gedeutet, und diese Mythisierung reichte von blinder Bewunderung zu ebenso blinder Abneigung. Während des neunzehnten Jahrhunderts sahen die liberalen Mexikaner in der nordamerikanischen Demokratie nicht ohne Grund den Archetyp der Modernität. Diese Bewunderung bewog sie zur Übernahme des demokratischen, republikanischen und föderativen Systems Nordamerikas. Der Versuch schlug fehl, zum Teil darum, weil Mexiko drei Jahrhunderte lang eine katholische Monarchie gewesen war; weder das Volk noch die Führungsschicht hatten die große geistige, politische und ökonomische Revolution durchgemacht, die am Anfang der Modernität stand. Wir wollten mit einem Sprung aus der traditionellen Gesellschaft in die moderne gelangen, ohne auf die Gesellschaftsklassen – Bürgertum und Mittelschicht – und auf die Intellektuellen und Techniker zählen zu können, die den Wandel in Europa und den Vereinigten Staaten ermöglicht hatten.

Die reine und geometrische Republik von Juárez brach vor der widerspenstigen Wirklichkeit zusammen. An ihre Stelle trat ein Kompromißregime: eine liberale Diktatur (die von Porfirio Diaz), die dreißig Jahre währte und eine Art „aufgeklärten Despotismus“ darstellte. Gegen dieses Regime erhob sich 1910 die Nation. Zwanzig Jahre später sahen sich die Revolutionäre genötigt, einen neuen Kompromiß zwischen Diktatur und Anarchie zu finden; so entstand die Partei, die das Land unter verschiedenen Namen nunmehr seit einem halben Jahrhundert regiert. Eins haben wir dabei gewonnen: Die Demokratie hat sich in ein historisches Ziel des mexikanischen Volkes verwandelt.

Der Begriff „Modernisierung“ war und ist für die Mehrzahl der Mexikaner ein Synonym für Demokratie. Wenn einige von uns sagen, unsere Modernität sei unvollständig, so meinen wir nicht nur unsere unzulängliche wirtschaftliche und technische Entwicklung, sondern auch die schwerwiegenden Mängel unseres politischen Systems. Die Vorteile dieses Systems sind nicht abzustreiten, und von ihnen verdienen vor allem Kontinuität und Stabilität Erwähnung. Gleichzeitig ist es zur Hauptursache der allgemeinen Korruption geworden und hat sich in ein Hindernis für jede wahre Modernisierung verwandelt. Eine wirkliche Demokratie gründete sich auf eine Rotation der Macht zwischen Parteien, Menschen, Ideen und Programmen.

Die Abneigung gegen die Vereinigten Staaten war während des vergangenen Jahrhunderts ein Gefühl, das alle Konservativen und alle, die der alten spanischen Ordnung nachtrauerten, teilten. Dieses Gefühl hat seither die Seiten und die Farben gewechselt: Heute sind es die Revolutionäre, die den USA ihre unbeugsame Antipathie erklärt haben. Verständlich ist es: Es ist eine natürliche Reaktion auf die Politik der Expansion und der Vorherrschaft, die die Vereinigten Staaten gegenüber Mexiko eingeschlagen haben. Eine Politik, die seit der Mitte des letzten Jahrhunderts zwischen dem bigstick des ersten Roosevelt und dem benign neglect Kissingers hin und her schwankte. In ihr kommt der gleiche Widerspruch zum Ausdruck wie bei den beiden imperialen Republiken der Antike, Athen und Rom: Demokratie nach innen, Imperialismus nach außen.

Unglücklicherweise haben viele mexikanische und lateinamerikanische Anti-Imperialisten, fasziniert von der Ideologie des totalitären „Sozialismus“, ihre demokratische Herkunft vergessen. So kommt es, daß oft nicht nur ein berechtigter Anti-Imperialismus die Konservativen mit den Radikalen von heute verbindet, sondern auch die autoritäre und antidemokratische Tonlage. In der mexikanischen Mittelschicht, aus der unsere Regierenden hervorgehen, ist die Verbindung der konservativen Gefühle der Kreolen des neunzehnten Jahrhunderts mit der diffusen anti-imperialistischen Ideologie des zwanzigsten gang und gäbe. Traditionelle, von der kreolischen Aristokratie ererbte Überzeugungen sind die unbewußte psychologische Grundlage und die heimliche Nahrung der moderneren autoritären Ideologien vieler mexikanischer Intellektueller und Politiker. Es ist ein weiteres Beispiel für unvollständige, unechte „Modernität“.