Badenweiler ist das Heilbad, glänzend wie ein Diamant ohne störende Einschlüsse, gehärtet und geschliffen von jahrhundertealter Erfahrung, leuchtend im milden Feuer seiner Ideale. Badenweiler ist Kurort und sonst nichts. Es gibt mehr Gästebetten als Gastgeber, mehr Badeärzte als Metzger, mehr Diätköche als Autoschlosser und mehr Kurmusiker als Bankdirektoren. Es gibt keine Industrie, kein unabhängiges Handwerk und keine Durchgangsstraße, dafür ein Bündel selbst auferlegter Pflichten und Einschränkungen, 123 Beherbergungsbetriebe (ohne die Privatquartiere) sowie 37 Wirtshäuser und 81 Ausflugslokale.

Badenweiler im sonnenverwöhnten Markgräfler Land zwischen Schwarzwaldhöhen und Vogesen liegt hinter einem Verkehrsverbotsschild mit Ausnahmegenehmigung für Einwohner und Kurkartenbesitzer. Absolute Verkehrsruhe in den frühen Nachmittagsstunden und ab Mitternacht gilt für jedermann. Da wird kein Motor angelassen, da dreht sich keine Betontrommel. Die Ruhe ist in Badenweiler ein nachgeordnetes Kurmittel – vielleicht Nummer drei oder, nächst den Freuden der südbadischen Tafel, Nummer vier.

Kurmittel zwei jedenfalls, so sieht es Rudolf Bauen, Bürgermeister und Kurdirektor in Personalunion, ist das Grün im Ort und drumherum, also der Kurpark (16 Hektar) mit seinen betörenden Ausblicken ins Rheintal, den Baumalleen und Rosenrabatten, den Gärten und grünen Einsprengseln. Ringsum grünen die Wälder, der Golfplatz – auf einer Insel im Rhein – und die Wiesen und Weinberge. Rudolf Bauen: „Wir waren schon grün, als es noch keine Grünen gab.“

In den sechziger Jahren hatte Vorgänger Gerd Wagner, nebenbei Vorsitzender des Arbeitskreises Lärmbekämpfung, die Weichen für eine Entwicklung gestellt, die dem, was man so Entwicklung nannte, erfolgreich im Wege war. Der Bebauungsplan war in Wirklichkeit ein Antibebauungsplan. Hunderte von Bauplätzen wurden entschädigungslos zurückgestuft, jegliche Bautätigkeit durch rigorose Ruhevorschriften eingeschränkt. Badenweiler zählt damals wie heute knapp 3500 Einwohner. Ohne die Rathauspolitik, so der SPD-Bürgermeister im CDU-Land, „hätte der Kurort eine Bevölkerung von 10 000 bis 15 000 Menschen“.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Gastgeber kümmert sich ausschließlich um seine Gäste. Alle Schönheiten und Bequemlichkeiten sind für sie da, allein für sie: die Doktoren, Gärtner, Bademeister, die bunten Abende, Tanztees, Parkbeleuchtungen, die geführten Wanderungen und Ausflüge zu den Nachbarn im Dreiländerdreieck. Die Nachteile einer Kur als Monokultur sind ebenfalls einleuchtend. Die Kur entscheidet über Wohl und Wehe. Die Verwaltungsbilanzen reagieren wie Seismographen auf geringste Konjunkturschwankungen. Die Rezessionen Mitte der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre haben Spuren hinterlassen. Die Kurstatistik verzeichnet Rückgänge seit dem Rekordjahr 1975 von 960 000 auf 685 000 Übernachtungen im vergangenen Jahr.

Die Einnahmen aus Kurtaxe und Fremdenverkehrsabgabe sind dennoch kaum geschrumpft. Der Wirtschaftsplan der Kurverwaltung ist im Haushalt (rund acht Millionen) mit 3,4 Millionen Mark ausgewiesen. Das Gewerbesteueraufkommen hat sich von 800 000 Mark im Jahr 1983 in diesem Jahr auf etwas mehr als die Hälfte reduziert. Die Hauptsorge des Bürgermeisters: „Die Infrastruktur ist zu teuer, der ganze aufwendige Versorgungsapparat. Die Last ist überhaupt nur zu verkraften, weil der eigentliche Bädersektor vom Land betrieben wird.“ Die Aufgaben sind zwischen der kommunalen Kur- und der staatlichen Bäderverwaltung geteilt: hier Markgrafenbad, markgräfliches Palais, Römerquelle und Kurpark, dort Kurhaus (vom Land gepachtet), Veranstaltungen, Kurtaxe (1983: 2,2 Millionen Mark).

Badenweiler ist etwa zu gleichen Teilen Heilbad und Erholungsort. Die Kurgäste (85 Prozent Privatpatienten, meist Stammgäste) suchen in den Wassern der Römerquelle (Kurmittel Nummer eins) Linderung bei Erkrankungen der Wirbelsäule, der Gelenke, Muskeln, Bindegewebe und Nerven sowie der Herz- und Kreislaufleiden und Erschöpfungszuständen. Urlauber schätzen das vielgepriesene Klima, die schöne Umgebung, die Sportanlagen, die Küche und, möglicherweise KurmittelNummer fünf, den badischen Wein. Alle Gäste Badenweilers genießen die Bäder, die kostspielige Luftstruktur und die Ruhe, mit der Badenweilers prominentester Kurgast vor 80 Jahren noch gar nichts anfangen konnte. Der russische Schriftsteller Anton Tschechow: „In keiner Weise kann ich mich an die deutsche Ruhe und Stille gewöhnen. Im Haus und außer dem Haus hört man kaum einen Ton...“ Kurmittel Nummer drei ist in Badenweiler heutzutage auf die Stunden des Mittagsschlafs und der Nachtruhe beschränkt. Wolfgang Boller