Ein neuer Band von Hans-Albert Walters großem Werk über die von den Nazis erzwungene Emigration

Von Harry Pross

Im Juni 1938 schrieb der Emigrant Golo Mann in der Zürcher Emigrantenzeitschrift Maß und Wert, es gebe zweierlei Emigranten: solche wie die Bourbonen, "deren altersschwachen Händen die Macht, welche sie lange besaßen, endlich entfiel", und solche, die, wie Thomas Masaryk, ins Ausland gingen, um ihre künftige Chance besser wahrnehmen zu können. "Es entspricht dem fragwürdigen Charakter der Hitlerschen Revolution, daß sich nicht recht entscheiden läßt, zu welcher Sorte wir gehören ... gehört man zu der geschlagenen Partei oder nicht? Wenn ja, so kann man sich in Frankreich und anderwärts wohl gelegentlich zu verstehen geben lassen, daß, wer seine eigene Sache so unglaublich schlecht machte, mit seinen Ratschlägen im Bezug auf fremder Leute Angelegenheiten nun besser hinterm Berg hielte."

Die Ansicht des neunundzwanzigjährigen Kritikers traf sich mit der des erfahrenen Publizisten Leopold Schwarzschild. Er druckte in seinem Neuen Tagebuch vom 23. 7. 1938: "In Sachen der politisch Vertriebenen leidet diese Welt peinlich an ihrem schlechten Gewissen. Sie weiß durchaus – weiß es in ihrem Bewußtsein oder mindestens in ihrem Unterbewußtsein, daß die Aufnahme einiger hunderttausend Auswanderer durch eine Menschheit von mindestens ebensoviel Millionen tatsächlich kein Problem ist, sondern eine Miniatur-Angelegenheit. Sie weiß durchaus, daß bei dieser Relation auf jedes Aufnahmeland nur eine jährliche Zuwanderung von Splittern eines Promilles entfallen würde, und daß es schlechthin unwahr und unwahrhaftig ist, dies als eine Frage ersten oder auch nur siebten Ranges auszugeben, sei es wirtschaftlich oder sozial oder politisch. Ja, die zivilisierte Welt weiß das alles. Sie täuscht sich nicht über ihre Rolle in dieser Sache ... Aber trotz allen schlechten Gewissens hat keiner den Willen, es selbst von nun an anders zu halten. Darauf beruht die Wärme, mit der in 31 Ländern die Konferenz von Evian begrüßt wurde. Einunddreißig Regierungen entsandten angenehm berührt ihre Delegation – jede von ihnen ganz klar darüber, daß die Situation eine wahre Schande ist – und jede von der Hoffnung beseelt, daß die dreißig anderen sowohl die Situation wie die Schande beseitigen würden ..."

Hans-Albert Walter schließt mit dem Schwarzschild-Zitat das Kapitel über die Reaktionen der Völkergemeinschaft auf die neuen Flüchtlingsströme, die 1938 nach dem "Anschluß" Österreichs und der Zerstörung der "Rest-Tschechoslowakei" durch die Hitler-Deutschen entstanden waren. Die Konferenz von Evian hatte kein Geringerer als der amerikanische Präsident Roosevelt einberufen, um ein internationales Komitee für Flüchtlingsfragen zu errichten, die sich infolge der deutschen und österreichischen Entwicklung ergeben hatten. Walter bemerkt mit Recht, daß die Teilnahme keineswegs Erhöhung der Einwanderungsquoten voraussetzte, sondern Roosevelt im Gegenteil versicherte, es werde von keinem Land erwartet, über die bisherige Immigrationsquote hinauszugehen, auch sollten bestehende Institutionen nicht entmutigt werden. Das zielte auf die unzulänglichen Anstrengungen des Hohen Kommissars des Völkerbundes für Flüchtlinge wie auf private Hilfsorganisationen. Im Ganzen wohl eine jener amerikanischen Initiativen, die wir satt haben, weil sie zu oft nur für die Medien gemacht worden sind.

Die Internationale der Bürokraten

Walters Buch umfaßt die Jahre 1938 bis 1940, als Hitlers Expansion bei "Großdeutschland" angelangt war – und es durch weitere Aggressionen gleich wieder aufs Spiel setzte. Noch paßte seine Außenpolitik in das Konzept des "nationalen Selbstinteresses", das zumindest die europäischen Nachbarn teilten, und weshalb sie, Brüder im Nationalismus, nur zögerlich und ungern dem Braunauer Einhalt geboten. Die Politik des "Appeasement" war ein Eingeständnis der Sieger von 1918, daß sie den Frieden von Versailles verloren hatten, weil das Vertragswerk ihren eigenen Prinzipien widersprochen hatte. Sie gaben Versailles verloren, weil es nicht zu retten war, und begriffen nicht, daß sie damit den nächsten Krieg riskierten.