Die erste vollständige Ausgabe der Werke Clemens Brentanos

Von Norbert Miller

Zwei soeben erschienene Bände der vom Freien Hochstift Frankfurt herausgegebenen historisch-kritischen Ausgabe der Werke und Briefe Clemens Brentanos – ein in sich geschlossener Band: „Die Mährchen vom Rhein“ und ein Teilband der „Lehrjahre Jesu“ – geben den Anlaß, eine Zwischenbilanz dessen zu ziehen, was bei diesem groß angelegten und von schwierigsten editorischen Problemen begleiteten Unternehmen bereits geleistet wurde. Mit dem späteren der beiden Märchen-Zyklen Brentanos legt Brigitte Schillbach, mustergültig betreut und kommentiert, eines von Clemens Brentanos stärker verbreiteten Werken vor. Auf den Märchen, fast alle erst nach dem Tod des Dichters von Guido Görres herausgegeben, auf der „Geschichte vom braven heraus- und dem schönen Annerl“ und einem Dutzend seiner Gedichte beruht ja bis heute der Ruhm Clemens Brentanos, das, was an seiner Dichtung Popularität gewonnen hat. Wer sich in die Rhein-Märchen hineinliest, wird von der Darbietung des Textes überrascht sein: Nicht der Erstdruck der Märchen, sondern die von Brentanos Freund Johann Friedrich Böhmer hergestellte Abschrift des verschollenen Originals dient als Vorlage. Das gibt den Geschichten eine mitunter irritierende, meist aber beglückende Unmittelbarkeit der Skizze. Sie lesen sich, als wurden sie. mündlich vorgetragen. Zum erstenmal versteht man, warum der tragen. vor einer Herausgabe zurückgescheut war, warum er die Märchen für in sich unfertig hielt.

Der Charme des wunderbar Improvisierten war ihm verdächtig, nicht nur aus Gründen seiner gewandelten Weltauffassung, auch weil er thematisch und stilistisch immer gegenüber den Brüdern Grimm auf den Kunstcharakter des Märchens beharrt hatte. Die Herausgeberin zeigt in ihrem gründlichen Nachwort überzeugend, warum diese Fassung sowohl den größten Näherungswert an den Autor will als auch die künstlerisch angemessenste Darbietung des Märchenzyklus bildet. Ihre Ausführungen zur Entstehungsgeschichte, der Varianten-Apparat und der Sachkommentar sind wissenschaftlich vorbildlich und für den Leser in vielen Details spannend. Dazu kommt, daß ihr im Abbildungstell einige überraschende und schöne Funde gelungen sind, vor allem die prächtige Radierung nach Brentanos Zeichnung von Wilhelm Hensel und die Blätter Eduard Steinles aus dem Frankfurter Städel.

Der andere Band führt den Text der „Lehrjahre Jesu“ weiter, das umfangreiche Mittelstück eines geplanten religiösen Epos in Prosa, das Brentano in den Jahren nach seiner religiösen Erweckung schreiben wollte und das die Biographie der stigmatisierten Katharina Emmerick aus Dülmen und die nach ihren Visionen aufgezeichnete Lebens- und Leidensgeschichte Jesu umfassen sollte. Hier wird es noch einige Jahre dauern, bis dem vorgelegten, so niemals gedruckten Text der notwendige Sachkommentar nachfolgen kann. Aber auch so ist das Vorgelegte aufregend genug; denn erst seit den Forschungen des Herausgebers Jürg Mathes zum religiösen Spätwerk des Dichters wissen wir, daß die „Lehrjahre Jesu“ – bis dahin nur aus einer willkürlichen Bearbeitung des 19. Jahrhunderts bekannt – von Brentano im Manuskript fertig hinterlassen waren.

Ein unbekanntes Hauptwerk Brentanos und seine berühmten „Rhein-Märchen“ in einer ungewohnten Gestalt, vortrefflich kommentiert und mit schönen Fundstücken illustriert – die Frankfurter Brentano-Ausgabe erfüllt mit ihren beiden jährlich und ziemlich regelmäßig erscheinenden Einzelbänden die von Anfang an hochgespannten Erwartungen. Bisher ist noch kein Band erschienen, der den Brentano-Leser gleichgültig gelassen hätte.

Da bei seinem Tod nur einzelne, untereinander kaum verbundene und oft am Rand seines Schaffens stehende Bücher und Beiträge vorlagen – „Des Knaben Wunderhorn“ hatte sich als ein deutsches Hausbuch lange von seinen Schöpfern Arnim und Brentano losgemacht, das „verwilderte“ Frühwerk des Romantikers war nurmehr als Sage gegenwärtig, und die Erbauungsschriften seiner letzten Zeit lagen außerhalb des literarischen Horizonts –, hatte die große Ausgabe der „Gesammelten Schriften“, die sein Bruder Christian, unterstützt von Emilie Brentano und anderen Freunden, 1852 zu des Dichters Andenken herausgab, das Verdienst, das vielfach zerstreute als ein geschlossenes Œuvre vor die Öffentlichkeit gebracht und das Vorurteil widerlegt zu haben, der Dichter sei nur ein „Zerissener“, eine abgebrochene und fragmentarische Begabung gewesen.