In unzähligen Heimen und Kliniken hängt sie an der Wand, manchmal mit dem Papst, manchmal allein. Im Waisenheim in Neu-Delhi sitzt sie an einem kleinen Tisch unter ihrem Bild, klein, in sich versunken, die Hände gefaltet. Sie ist für ein paar Tage nach Neu-Delhi gekommen, sonst lebt sie in Kalkutta. Wo sie hingeht, wird sie umschwärmt; nur sie ist ruhig, das ruhige Auge des Sturms, und ernst.

Am Vormittag nimmt sie eine offizielle Medikamentenspende entgegen. Dann besucht sie Ämter. Am Nachmittag teilt sie an der Universität Diplome an die frisch promovierten Jung-Ärzte aus. Während der endlosen Reden nickt sie am Podium ein. „Sie ist so müde“, flüstern betroffen einige Leute im Publikum. Wir nehmen ihre Rede auf Tonband auf und sind anschließend umzingelt von den Eltern der Studenten, die uns die Kassette abkaufen wollen.

Die Botschaft Mutter Teresas ist universal; der Arzt muß den Patienten berühren und sich von ihm berührt fühlen; im ärmsten und hoffnungslosesten seiner Patienten muß er Gott sehen. Die jungen Studenten sprechen sie als „Mutter“ an. Nach der Diplomvergabe soll Mutter Teresa ins Waisenheim gefahren werden; das Auto kommt kaum vorwärts, da Straßenkehrerinnen das Fahrzeug umringen. Mutter Teresa will sie davon abhalten, läßt sie dann gewähren, segnet sie. Will man ihre Ausstrahlung festmachen: Ruhe vielleicht, eine Art trauriger Ruhe. Woher sie diese Ruhe hat? Aus dem Bewußtsein, ihr Leben dieser Arbeit gewidmet zu haben. Sie sagt nicht gewidmet, sie sagt geweiht.

Nach Indien kam sie mit dem Orden Loreto. Eines Tages erblickte sie von ihrem Fenster aus den Flüchtlingsstrom, der im Zuge der Teilung des Landes die islamischen Gebiete verließ und im hinduistischen Teil Herberge suchte; in die Gegenrichtung bewegte sich ein ebenso verzweifelter Strom von Muslims. Viele Leute blieben am Straßenrand zurück und starben dort. Schwester Teresa sah dieser Szene zu und fühlte einen „Ruf innerhalb ihrer Berufung“: den Ruf, für die Ärmsten der Armen, für die, denen sonst niemand hilft, etwas zu tun. Das war der Anfang des Ordens, den sie heute leitet. Ihre Vorgesetzten in der Kirchenhierarchie waren zunächst von der Echtheit ihres Rufes nicht überzeugt. Sie wollten sie lieber in eine Großküche strafversetzen. Vier Jahre ruhte das Ansuchen der Novizin Teresa. Der Papst intervenierte schließlich persönlich.

Im Besucherraum des Hauses der Sterbenden in Delhi bringt uns eine junge Schwester Tee. Wie kam sie selber zum Orden? Sie war Sekretärin in einer Handelsfirma. Und eines Tages sah sie zufällig einen Dia-Vortrag über die Arbeit von Mutter Teresa. Sie sah, wie Mutter Teresa Menschen aufhob, die auf der Straße lagen und dort sterben sollten, wie sie gelebt hatten: als wertloses, unbeachtetes und überflüssiges Stück Abfall. Diese Menschen nahm Mutter Teresa mit in ihr Heim. Keine Armenklinik hatte sie mehr aufgenommen, da ihre Lage aussichtslos war. Mutter Teresa nahm sie, wusch sie, legte sie in ein Bett und ließ sie von freundlichen Schwestern in den einfachen weißen Baumwollsari mit den schmalen blauen Streifen, der ihr Markenzeichen ist, betreuen.

Dieser Bericht beeindruckte die junge Sekretärin so sehr, daß sie ihre Arbeit aufgab, ihr altes Leben hinter sich ließ und dem Orden beitrat. Wie alle anderen Schwestern lebt sie im Gemeinschaftssaal; sie besitzt zwei Saris, denn einer ist immer in der Wäsche, während der andere getragen wird. Dann gibt es noch einen dritten Sari, einen festlichen, für besondere Anlässe. Manche Schwestern schenken diesen, der eine Art Luxus darstellt, her; sie selbst hat das nicht getan, gesteht die Schwester, denn sie braucht ihn manchmal in der Regenzeit. Momentan arbeitet sie im Heim für Sterbende, aber sie kann jederzeit woanders hingeschickt werden, wenn eine Schwester gebraucht wird.

Für das pragmatische Denken des Westens ist Mutter Teresas Weg zunächst erklärungsbedürftig. Welchen Sinn hat es schon, angesichts der Menschenmassen, der Korruption, der beinahe unvorstellbaren Probleme Indiens, wenn man hier und da eine der zahllosen hoffnungslosen Existenzen des Landes aus dem Rinnstein hebt und auf eine saubere Baumwollmatte legt, damit der sinnlose Tod, der auf ein sinnloses Leben folgt, um eine Spur weniger schrecklich wird? Wer die Frage stellt, liegt schon daneben. „Man muß immer die einzelne Person sehen, diese eine, und dann jene eine, immer nur eine auf einmal.“ Für diese eine Person ist es nicht gleichgültig, daß ein freundliches Gesicht sich ihr zuwendet; und diese Person kann auch nicht darauf warten, daß die „gesellschaftlichen Umstände“ sich verändern. Von der großen Politik hält sie wenig. „Vergeßt die Politiker“, meint sie dazu nur. „Es ist falsch, sich immer nur mit den Fehlern des anderen zu beschäftigen. Während du das tust, bittet dich vielleicht jemand um ein Stück Brot, aber du bist so mit den Politikern befaßt, daß du keine Zeit hast, du siehst diese Menschen gar nicht. Und dieser Mensch verhungert vielleicht ohne dein Stück Brot.“