Von Helmut Schneider

Nach der Aufzählung einer Reihe von kleineren Unannehmlichkeiten, die der Künst-J. \leralltag so mit sich bringt, kommt der Briefschreiber fast beiläufig auf "einen neuen Plan", den er hat. Er denkt an "eine Art Almanach mit Reproduktionen und Artikeln nur von Künstlern", in dem "ein Chinese neben Rousseau, ein Volksblatt neben Picasso" zu sehen wären – "Das Buch kann ‚Die Kette‘ heißen oder auch anders". Und er stellt sich vor, daß "wir beide", der Verfasser und der Empfänger des Briefes also, die Redakteure sein sollen.

Der Brief trägt das Datum vom 19. Juni 1911, er ist an Franz Marc adressiert, der Absender heißt Wassily Kandinsky. Die Freundschaft der beiden Künstler ist noch jung, sie kennen sich erst seit einigen Monaten, Kandinsky sieht in Marc aber bereits einen Verbündeten, dem er mit verschwörerischem Unterton ("Sprechen Sie nicht darüber") von dem Vorhaben eines Almanachs berichtet, das ja dann auch verwirklicht wurde. Das Buch erschien dann allerdings nicht mit dem Titel "Die Kette", die beiden einigten sich schließlich auf einen anderen: "Der Blaue Reiter".

Für die Entstehungsgeschichte dieses Almanachs ist die nun erstmals veröffentlichte Korrespondenz eine Fundgrube:

Der Leser erfährt natürlich in erster Linie von den Geburtswehen des Projekts, aber auch von den Empfindlichkeiten vor allem Kandinskys, der dazu neigte, kleine künstlerische Differenzen (wegen Marcs Entwurf des "Blauen-Reiterzeichens" etwa) gleich persönlich zu nehmen (Marc hielt solche Unstimmigkeiten für ganz normal und antwortete: "Sie scheinen gereizt und sehen Mäuse"). Überhaupt hat Marc auf sachlich vorgetragene Kritik gelassener reagiert, er hatte offenbar die dickere Haut.

In den Briefen ist viel die Rede von Geldfragen, Ausstellungsbeteiligungen und Kunstpolitik im allgemeinen, weniger von der Kunst selbst. Vermutlich haben Kandinsky und Marc ihre jeweiligen Vorstellungen über Kunst im Gespräch erörtert, und im Urteil über Kollegen waren beide, zumindest im schriftlichen Verkehr, eher zurückhaltend. Gelegentlich finden sich aber doch interessante Bemerkungen wie die Kandinskys, Picassos kubistische Bilder seien "wie geistige Abspiegelungen des Zerfalls: das ist die Folge der unvollkommenen Befreiung vom Naturalismus" (Kandinsky, Ende 1911 schon auf dem Weg zur Abstraktion, sah das eben aus seiner Perspektive).

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs trennt die beiden, Marc wird Soldat, Kandinsky muß als feindlicher Ausländer München verlassen. Franz Marc nimmt Ende Oktober 1914 Abschied von dem Freund. Er fühlt, daß der Krieg "wie eine große Flut" ist, die sie trennt: "Alles Rufen ist vergeblich, – vielleicht auch das Schreiben." Marc ist Anfang 1916 gefallen, Kandinsky hielt sich damals gerade in Stockholm auf, bereits entschlossen zur Rückkehr nach Rußland, wo bald neue Aufgaben auf ihn warteten. Nach der Revolution, die er natürlich nicht vorhersehen konnte.