Von Gabriel Laub

Der Kaiser“ des Polen Ryszard Kapuscinski, ein Buch über die letzten Jahre des Negus Negesti Haile Selassie I., stand auf den Bestenlisten amerikanischer und britischer Zeitschriften und hatte begeisterte Rezensionen in französischen und spanischen Zeitungen. Bei einer Leserumfrage der Warschauer Polityka über die bedeutendsten vierzig Bücher aus vierzig Jahren der Volksrepublik, deren Ergebnisse neulich veröffentlicht wurden, obwohl sie für die offiziell lancierte Literatur keineswegs schmeichelhaft sind, steht Kapuscinski hoch oben auf der Liste. Als Theaterstück inszeniert, feierte „Der Kaiser“ in Polen triumphale Erfolge.

Woher so viel Interesse für einen Herrscher, der vor neun Jahren völlig entmachtet starb? Schließlich gehörte der Kaiser von Äthiopien nie zu denen, die das Schicksal unserer Welt entscheidend beeinflußten. Haben die Polen heute keine anderen Sorgen als die abessinischen? Als Antwort vielleicht einige Zitate aus den Aussagen der ehemaligen Höflinge, die Kapuscinski nach der Zerstörung des Kaiserreiches sammelte:

„Hier möchte ich betonen, daß unser Herr keineswegs ein Gegner von Reformen war, im Gegenteil – er hatte großes Verständnis für Fortschritt und Verbesserungen, aber er konnte es nicht ertragen, daß jemand sich selbständig an Reformen machte, denn erstens beschwor das die Gefahr von Anarchie und Willkür herauf, und zweitens hätte so der Eindruck entstehen können, es gebe im Kaiserreich noch andere Wohltäter neben dem ehrwürdigen Herrn.“ ... „Und wie soll man überhaupt reformieren, frage ich Sie, wie reformieren, ohne daß alles zusammenbricht... Das Kaiserreich produzierte wenig und konnte nicht viel Handel treiben. Wie sollte man da die Schatzkammern füllen?“

„Und in dieser Hinsicht kamen dem ehrwürdigen Herrn eben jene Minister zu Hilfe, die sich durch keinen besonderen Scharfsinn und Weitblick auszeichneten ... Es genügte nämlich, daß so ein Günstling des ehrwürdigen Herrn ein gedankenloses Dekret verabschiedete. Dank seiner Autorität beginnt das Dekret zu wirken, und indem es wirkt, richtet es, wie könnte es anders sein, Schaden an und schafft ein heilloses Durcheinander, auch dort unten dekretieren die subalternen Beamten des Kaisers dieses und jenes, und die einfachen Leute wirbeln herum und entwirren und entwirren. Darin lag die stabilisierende Rolle dieser vom ehrwürdigen Herrn hervorgehobenen Günstlinge. Sie zwangen die gebildeten Phantasten und das unaufgeklärte Volk, ständig etwas zu entwirren, damit aber reduzierten sie alle illoyalen Ambitionen auf Null, denn woher soll man die Kraft für Ambitionen nehmen, wenn die ganze Energie beim Entwirren drauf geht.“

Dies und vieles andere – man möchte aus diesem Buch dauernd zitieren – dürfte den Polen gar nicht so abessinisch vorkommen. Und nicht nur den Polen. Die deutsche Ausgabe des Buches

Ryszard Kapuscinski: „König der Könige. Eine Parabel der Macht“; aus dem Polnischen von Martin Pollack; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1984; 190 S., 28,– DM