Das Angebot von Fähigkeiten und Leistungsbereitschaft richtet sich nicht nur nach persönlichen Ressourcen, nicht nur nach dem Wissen und der Erfahrung, nicht nur nach der persönlichen Vitalität, die Gesundheit und geistige Organisation einschließt, sondern auch nach der herrschenden Arbeitsmoral.

Das Leistungsangebot der Arbeitnehmerschaft wird durch etwas Kulturelles bestimmt: durch die Inhalte und Normen der Arbeitsethik, über die man sich in einem Lande verständigt hat, und die es gestatten, sich und andere danach zu bewerten. Die Inhalte und Normen einer Arbeitsethik regeln die Selbstakzeptanz, das heißt, sie liefern Maßstäbe dafür, wann man mit sich oder mit der Leistung anderer zufrieden sein kann. Man darf erwarten, daß ein gesellschaftlicher Wandel, der in der Regel durch technische Neuerungen, Ressourcensteigerungen und Änderungen der Wirtschaftsorganisation ausgelöst wird, nicht ohne Einfluß auf die Arbeitsethik bleibt.

Das Arbeitsethos steht in einer funktionellen Beziehung zu den Anforderungen am Arbeitsplatz. Ein elektronischer Arbeitsplatz erfordert wahrscheinlich andere Tugenden, als ein Arbeitsplatz in der Hütte oder in einem Bergwerk zu Beginn der Industrialisierung.

Um in Erfahrung zu bringen, welche Tugenden für die Mitarbeiter in der Metallindustrie in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts zählen, wurde ein Test mit 15 Beschreibungen entwickelt, der dem Querschnitt der Auskunftspersonen mit der neutralen Frage vorgelegt wurde, welche Eigenschaften im heutigen Arbeitsprozeß sehr wichtig, auch wichtig oder weniger wichtig seien. Der Originaltext der Frage lautete: "Hier habe ich eine Reihe von Eigenschaften. Bitte sagen Sie mir zu jeder Eigenschaft, ob sie im heutigen Arbeitsprozeß sehr wichtig, auch wichtig oder weniger wichtig ist?"

Um in der Fülle der rhapsodisch wirkenden Antworten die Ordnungsstrukturen erkennen zu können, wurde ein Skalierungsverfahren angewendet. Es zeigten sich nach dem Verfahren von R. J. Mokken zwei Skalen, die je in sich Äußerungen vereinigen, die miteinander verwandt sind. Die folgenden beiden Tabellen geben zunächst eine Übersicht über die Antworten, gegliedert nach den beiden aufgefundenen Skalenbereicheru Die erste Gruppe von Tugenden, die durch die Skalenanalyse zusammengeführt werden, lauten: Guter Partner in der Teamarbeit sein Seine eigene Meinung deutlich machen, wenn es notwendig ist Offenheit, sich gegenseitig gut informieren Verträglichkeit, Freundlichkeit Auf andere eingehen, zuhören, was andere sagen Humor haben Für ändere da sein Es handelt sich bei dieser Gruppe um ausgesprochen kommunikative Tugenden, die man nicht gewohnt ist, als Komponenten einer Arbeitsmoral zu sehen. Aber viele Mitarbeiter sehen es so, betrachten diese Tugenden als wichtiges neues Moment bei ihrer Arbeit, wenn auch nicht ab Alternative zur klassischen Arbeitsmoral. Der in der zweiten Skala zusammengefaßte Tugendkatalog liest sich wie folgt:

Möglichst große Präzision Pünktlichkeit Möglichst umsichtig und intelligent arbeiten Nichts Unnötiges tun Fleißig sein, möglichst viel leisten Gut ausgeruht bei der Arbeit erscheinen Nicht lange fragen, sondern tun, was gefordert wird.

In dieser Gruppe sind die klassisch puritanischen Tugenden zusammengefaßt, die zusammengenommen ein vertrautes Bild der Arbeitsdisziplin abgeben.