Hervorragend

Claudio Monteverdi: „Selva Morale e Spirituale“. Dem „Magister capellae cantus ecclesiastice Sancti Marci“ zu Venedig, Adrian Willaert, kommt das Verdienst zu, die antiphonale, also zwischen Vorsänger und Chor wechselnde Struktur bestimmter Teile des liturgischen Gesangs auf zwei getrennte Chöre übertragen zu haben. Willaerts Nachfolger und der 47 Jahre dort als Organist amtierende Giovanni Gabrieli nutzten die Tatsache, daß die Venezianer in heftigen politischen Kontroversen mit Rom ihre Eigenständigkeit verteidigten, auch künstlerisch aus: trotz der Beschlüsse des Tridentinischen Konzils komponierten sie im „avantgardistischen“ Stil weiter. Als Claudio Monteverdi 1613 Kapellmeister wurde, sechs Jahre nach seinem „Orfeo“, durfte man sicher sein, daß er die beliebte Technik nicht nur übernehmen, sondern in ungeahnte Bereiche weiterführen werde. Wie damals tatsächlich musiziert wurde, ob mit oder ohne verdoppelnde Instrumente, ob in dieser oder jener vokalen Besetzung, ist heute nur noch nach langer Forschung mit Ausdrücken wie „wahrscheinlich“, „Vermutung“ oder „Ermessen“ zu umschreiben – und Andrew Parrott ist in seiner Einführung konsequent zurückhaltend wie in seiner Interpretation. Die wesentlichen Teile der Musik eines Vespergottesdienstes sind hier aus der „Selva morale e spirituale“, einer Anthologie des damals Üblichen und Gebräuchlichen, herausgenommen, 5 Psalmen, 2 Hymnen, eine Motette, das Magnificat. Sie zeigen die ganze Fülle dessen auf, was zwischen strengem Satz und fast weltlichem „Stile concertato“ in jenem Jahr 1640 offenbar geschätzt und also praktiziert wurde. Die Aufnahme ist also ein Lehrbeispiel für historisch-kritische Editions- und Interpretationsarbeit, dazu ein Hochgenuß in musikalischer Kompetenz, schließlich durchaus eine Delikatesse auch für weniger historisierend interessierte Hörer. (Taverner Consort, Taverner Choir, Taverner Players, Leitung: Andrew Parrott; Serie Reflexe; EMI 1435 391, als CD 7 47016 2)

Heinz Josef Herbort

Sylvia Anders: „Verrückte Weibsbilder“. Sie hat eine unerhört bewegliche, facettenreiche Stimme, sie sächselt, berlinert, plappert und grimassiert mit der Stimme, sie girrt, zischt, flüstert und pöbelt, sie spricht singend und singt sprechend, ist also das, was man bei uns eine Diseuse nennt: eine Person vom Kabarett, die das Leben persifliert, am liebsten das von gestern. Sie trägt Chansons vor von Ralph Benatzky, Friedrich Hollaender und Rudolf Nelson, von Günter Neumann, Kurt Feltz und Justus Noll (ihrem Partner am Klavier und auf der Harmonika). Es sind Stücke darunter, die ich noch nie so komisch gehört habe (wie „Die süßesten Früchte“), so. erheiternd-böse (wie „Weihnachten zu Hause“) oder so sehnsuchtsvoll-ironisch (wie „die Dame der alten Schule“: „... ich möcht’ so gern mal was Gemeines sagen und seidne Wäsche tragen, ...mal in die Suppe hau’n, den ganzen Tisch versau’n, ... es einmal richtig wissen und einen Catcher küssen“). Man vergißt in dieser live aufgenommenen Vorstellung nie, daß da eine Schauspielerin singt und agiert, darin trainiert, den Ausdruck, die Stimmung, die Ironie, die Töne und den Ton genau zu treffen, also zu dosieren. Die „Verrückten Weibsbilder“ sind ein Vergnügen – und das liegt sicherlich auch an der zurückhaltenden Bestimmtheit des Begleiters Noll. (Anno LC 8835/„pläne“-Verlag 31 000 006)

Manfred Sack

Obsessiv

Roger Waters: „The Pros and Cons of Hitch Hiking“ beginnt fast wie ein Bergman-Film: Eine Uhr tickt und signalisiert das Vergehen von Zeit wie den Traum-Charakter dessen, was folgt. Geisterstimmen flüstern im Off, man hört Synthesizer, Donnergrollen und das von der Gitarre intonierte Intro. Der Alptraum beginnt um 4 Uhr 30 morgens und endet 42 Minuten später.Die surreal ablaufende Handlung, quasi der Soundtrack zu einem halblangen Spielfilm, folgt nicht der herkömmlichen Dramaturgie eines Konzept-Albums. In diesen ineinander fließenden Traumsequenzen bringt Waters einige seiner privatesten Obsessionen und Ängste zur Sprache, ohne daß diese Psycho-Traum-Anlyse wie „The final Cut“ eine moralische Lektion wäre. Konzept und Details – Eric Claptons Bluesgitarren-Soli, Hollywood-Schurke Jack Palance in der Rolle eines Heils Angel oder die oft faszinierenden Klangwirkungen der durch Holophonie manipulierten Räumlichkeit – sind allerdings bemerkenswerter als die Platte insgesamt. Und Pflicht-Pensum ist „The Pros and Cons of Hitch Hiking“ am Ende nur für angehende Toningenieure, die von dieser Produktion noch jede Menge lernen können. (Harvest 24 010 51) Franz Schöler