Die Athener Regierung betreibt hinter großer Rhetorik inzwischen pragmatische Politik

Von Andreas Kohlschütter

Athen, im Oktober

Es war vor drei Jahren, am Ende eines turbulenten Wahlkampfs. Auf dem Athener Syndagma (Verfassungs-)Platz versetzte Andreas Papandreou, die Akropolis im Rücken und das Parlamentspalais vor Augen, seine Griechen noch einmal in Begeisterung. Unter orkanartig anschwellendem Jubel verhieß der Führer der „Panhellenischen Sozialistischen Bewegung“ (PASOK) die „Stunde der großen Veränderung‚“ das „Rendezvous mit der Geschichte“ und den „Beginn einer neuen Epoche“. Die Verzückten gelobten dem Mann mit den buschigen Augenbrauen: „Vorwärts, Andreas, das ganze Volk will dich“ – „Volk und PASOK an die Macht, hier und jetzt“.

Der Jubel ist verrauscht, die „große Veränderung“ hat nicht stattgefunden. Kontinuität, Sach- und Alltagszwänge erwiesen sich stärker als alle Visionen von radikalem Umbruch und totaler Erneuerung. In den Straßencafes am Syndagma und in Kolonaki, in plauschigen Vorortstavernen prägen Ernüchterung und Verdrossenheit jedes Polit-Gespräch unter dem spätsommerlich warmen Sternenhimmel.

Schon jetzt sprechen die Kaffeehausstrategen Papandreou die Fähigkeit ab, im Herbst 1985, bei den nächsten Wahlen, nochmals eine absolute Mehrheit zu erringen. Lauter ungute, für die griechische Innenpolitik destabilisierende Szenarios werden angeboten: eine auf den guten Willen der moskauhörigen Kommunisten (KKE) angewiesene PASOK-Minderheitsregierung; eine die Armee und das ganze Rechtslager aufschreckende PASOK-KKE-Koalition; eine PASOK-Spaltung. Wird der populistisch-demagogische Papandreou, der sich lautstark und machtgierig auf einen von der Geschichte vorgegebenen, unauflöslichen „Pakt mit dem Volk“ beruft, das Land womöglich in eine kriegerische Krise mit der Türkei stürzen, um so, getragen von chauvinistischen Emotionen, die Macht zu erhalten? Ein Optimist unter den Pessimisten prophezeit: „Zwei Wochen nach Verlust der absoluten Mehrheit sitzt Andreas Papandreou im Flugzeug, auf dem Weg zurück über den Atlantik in sein Übersee-Exil in Kalifornien.“

Gerade bei den für den PASOK-Sieg von 1981 entscheidenden Wechselwählern des Zentrums und des linksliberalen Lagers herrscht Moll- und Katerstimmung. „Papandreou hat den Mund zu voll genommen meint ein Arzt. Ein Journalist und desillusionierter PASOK-Sympathisant erklärt: „Andreas liefert nur immer verbale Vorspeisen, das Hauptgericht wird immer wieder und wieder auf später verschoben.“ Bitter fällt der Kommentar eines Anwalts aus: „Alles, was diese Regierung bietet, ist Zukunft, ‚tha, tha, tha‘ (= es wird, es wird, es wird).“