Von Klaus Viedebantt

Tränen als Mittel der Politik taugen selten. Diese Erfahrung mußte jetzt auch Australiens erfolgsverwöhnter Ministerpräsident Bob Hawke machen. Als der „Sunnyboy des Südpazifiks“ mit einem Tränenausbruch auf den Oppositionsvorwurf reagierte, seine Regierung schütze das organisierte Verbrechen, herrschte ratlose Betroffenheit unter den Augenzeugen, den Journalisten in Canberra. Hawkes Frau Hazel sorgte später im Fernsehen für Aufklärung: Ihre Familie sei ein Opfer des Rauschgifthandels; Tochter und Schwiegersohn – vor Jahresfrist noch publikumswirksame Eltern eines Enkels – seien heroinsüchtig und in Behandlung.

Ein Schicksalsschlag. Die zu Mitleid und tätiger Hilfe stets bereite australische Nation hätte ihrem Liebling die Gefolgschaft in Trauer auch nicht versagt, wären die Zähren nicht ein Wahlkampfauftakt nach Maß gewesen und wäre nicht gerade die Klage über ungestörten Heroinhandel Hauptthema der innenpolitischen Diskussion.

Der Vorwurf, die erst seit achtzehn Monaten amtierende Labour-Regierung begünstige die Rauschgift-Syndikate, schwelt seit Monaten. Auslöser war ein gewaltiger Korruptionsskandal im Bundesstaat New South Wales, der enge Verknüpfungen von Gangstern, Justiz und der dort seit langem regierenden Labour Party aufdeckte. Die Opposition beschuldigt Hawke, er hintertreibe eine Untersuchung der Skandalserie; ihr Führer Andrew Peacock erklärte, nicht der Vater, sondern der Regierungschef sei Ziel der Kritik gewesen. Und er werde es auch bleiben.

Das konservative Bündnis in der Opposition, Liberal und National Party, hat Australien seit Kriegsende fast ununterbrochen regiert, Labour sorgte nur für kurze Unterbrechungen. Aber mit Hawke scheint sich erstmals ein Labour-Mann länger in der Regierung einzurichten. Peacock ist deshalb dankbar für die Aufregung über die Rauschgift-Skandale, denn er ist verlegen um Wahlkampfthemen gegen diesen Hawke im Glück. Und daß ein Wahlkampf bevorsteht, bezweifelt niemand auf dem fünften Kontinent. Das Parlament wurde am 5. März 1982 zwar auf drei Jahre gewählt, aber Regierungschefs haben die Möglichkeit, vorzeitige Wahlen auszurufen – ein beliebtes Mittel, einen eigenen Popularitätsvorsprung oder Flauten bei der Opposition auszunutzen. Hawke kann auf beides setzen: Umfragen geben seiner Partei zwischen 50 und 57 Prozent der Wählerstimmen, während sich die Liberalen und Nationalen mühsam über 40 Prozent halten.

Noch deutlicher wird die trübe Lage der Opposition, wenn man die Werte der Spitzenkandidaten vergleicht: Nur 17 Prozent der Australier sehen in Peacock den idealen Ministerpräsidenten, 72 Prozent dagegen votieren für Hawke. Er könnte die Gunst der Stunde schon bald nutzen. Täglich wird seine Ankündigung einer „Überraschungswahl“ im Dezember erwartet. Der Weg ist bereitet: ein Steuerhaushalt, der Wohltaten für die meisten Wähler parat hält; eine erfolgreich überstandene Debatte um Uranexporte (mit Einschränkungen erlaubt! wie eine atomwaffenfreie Zone (US-Nuklearscniffe dürfen weiterhin in australische Häfen); schließlich ein freundlich heraufziehender Sommer in der Antipoden-Hemisphäre. Jetzt will Hawke – er ist beliebt wie kein Ministerpräsident vor ihm – die Ernte seiner Beliebtheit einfahren. Es sollte ihm trotz der Skandale gelingen.

Bob, wie Robert James Lee Hawke von jedermann genannt wird, ist ein Mann aus dem Holz, aus dem Australier sich selber gern geschnitzt sehen: entschlossen, aber kumpelhaft im Umgang, gut aussehend und ein Frauenschwarm, ein Bursche mit Meriten auf dem Sportplatz und am Tresen (ein Supersaufgelage brachte den einstigen Oxford-Studenten ins Guinness-Buch der Rekorde), ein Sproß kleinbürgerlicher Verhältnisse, der sich mit Fleiß nach oben geboxt hat, ohne arrogant zu werden. Dies ist eine Musterkarriere in einem Land, das sich seit den Pioniertagen (und heute in nostalgischer Verklärung) einer absolut egalitären Gesellschaft rühmt.