Die 38,5-Stunden-Woche bietet die große Chance, die Arbeitszeitmodelle für morgen schon heute auszuprobieren

Einige fürchten es, andere freuen sich vielleicht sogar darüber: auf eine Fortsetzung des Streits um die kürzere Wochenarbeitszeit in den Betrieben. Sowohl auf der Seite der Arbeitgeber als auch im Lager der Gewerkschaften gibt es Leute, die dabei vermeintliche Scharten auswetzen wollen. Sie hoffen, daß sie Zugeständnisse, die sie am Verhandlungstisch gemacht haben, bei den Auseinandersetzungen um die betriebliche Umsetzung der 38,5-Stunden-Woche zumindest teilweise wieder zurücknehmen können.

Da ist es erfreulich, daß, aus der IG-Metall-Zentrale in Frankfurt die Mitteilung kommt, daß nach einem Friedensschluß der Krieg nicht noch einmal gewonnen werden müsse. Zumindest offizielll zeigt sich die Gewerkschaft bereit, über flexible Arbeitszeiten zu reden. Ob dies auch ernst gemeint ist, wird sich daran zeigen, wie sie die Schulung der Betriebsräte betreibt, mit welchen Parolen und Richtlinien sie diese in die Verhandlungen mit dem Management schickt.

In gut geführten Unternehmen haben diese Verhandlungen allerdings schon längst begonnen. Und das ist auch richtig so. Denn wenn aus den beiden wesentlichen Elementen des Leber-Plans – Arbeitszeitverkürzung und Flexibilisierung – in der Praxis etwas entstehen soll, das sowohl den Arbeitnehmern als auch dem Unternehmen Vorteile bringt, also die Lebensqualität am Arbeitsplatz und die Wettbewerbsfähigkeit gleichzeitig erhöht, dann muß die künftige Arbeitszeitgestaltung sehr sorgfältig und im Geiste der Kooperation geplant werden.

Die simpelste Lösung wäre, jeden Arbeitstag um 18 Minuten zu kürzen. Doch das bringt dem einzelnen Arbeitnehmer kaum mehr Lebensqualität, verkürzt die Nutzungsdauer des Produktivkapitals und führt nur in wenigen Fällen zu Neueinstellungen. Mehr im Sinne der Arbeitnehmer dürfte es im allgemeinen sein, am Freitag 1,5 Stunden früher Schluß zu machen. Aber auch das bedeutet geringere Nutzung von teuren Maschinen und Gebäuden, ebenfalls Kaum zusätzliche Einstellungen und überdies, daß auch die Kunden schlechter bedient werden. Der gleiche Mitarbeiter, der früher nach Hause gehen kann, steht anschließend als Verbraucher häufiger vor verschlossenen Türen.

Zumindest für die Betriebe wird es deshalb in vielen Fällen vorteilhafter sein, wenn die Möglichkeit zur Flexibilisierung der Arbeitszeit dazu genutzt wird, in gut ausgelasteten Abteilungen bis zu vierzig Stunden pro Woche zu arbeiten, in Bereichen dagegen, wo Auftragsmangel herrscht, dafür schon nach 37 Stunden zuzusperren. Knappe Fachkräfte könnten in ähnlicher Form um eine längere Arbeitszeit gebeten werden, andere dafür früher Schluß machen. Hauptsache, am Ende kommt dabei eine Durchschnittsarbeitszeit von 38,5 Stunden heraus. Dieser Form der Flexibilisierung sind aber sicher enge Grenzen gezogen. Auf die Dauer werden unterschiedliche Arbeitszeiten für verschiedene Mitarbeitergruppen in einem Betrieb kaum möglich sein.

Aber sehr vorteilhaft für alle Seiten könnte es in vielen Fällen sein, Arbeitszeitkonten einzuführen: Der Betrieb arbeitet vierzig Stunden, die Mitarbeiter können die pro Woche gutgeschriebenen 1,5 Stunden etwa alle fünf Wochen in einen zusätzlichen freien Tag umsetzen, ihn zwischen Feiertage legen oder in größeren zeitlichen Abständen einen Zusatzurlaub vom Konto „abheben“.