Von Hansjakob Stehle

Bonn, im Oktober

Der Rächer als verratener Verräter, oder: der große Schurke als Freund und Helfer von Polizei und Gerechtigkeit – ein Stück dieses Titels könnte gewiß nicht nur in Sizilien spielen. Eben dort aber hat es jetzt mehr als südländischen Theaterdonner ausgelöst. Akteure und Zuschauer, manche kaum voneinander unterscheidbar, spüren die Bühne – auch die politische – beben. Ganz Italien erregt das Drama und seine unabsehbaren Folgen. Ein Boß der Mafia hat, wie noch keiner vor ihm, ausgepackt. Auf 721 Seiten gab "Don Masino", wie seine Freunde den Tommaso Buscetta respektvoll zärtlich nennen, Hintergründe und Hintermänner von 130 Verbrechen der letzten 14 Jahre zu Protokoll: Von der Ermordung des Staatsanwalts Scaglione 1971 bis zu den tödlichen Schüssen, die 1982 den Polizeigeneral Dalla Chiesa, den bis dahin entschiedendsten Verfolger der Mafia, getroffen hatten.

Zwar waren von 366 Haftbefehlen der Staatsanwaltschaft in Palermo zunächst nur 58 vollstreckbar (die meisten Verdächtigen sind rechtzeitig untergetaucht; und 100 waren bereits wegen anderer Delikte in Haft), doch das Gerassel von Knebelketten und Handschellen war sogar in den USA, Kanada und Brasilien laut genug zu hören, um voreilige Jubelrufe auszulösen. Nicht nur die omertà, die Mauer verschwörerischen Schweigens, mit der sich die Mafia umgibt, sei nun durchbrochen, die Festung des Verbrecherclans selbst sei gleichsam im Sturm erobert worden.

"Die ihr gefaßt habt, sind noch nicht jene, die zählen", belehrte jedoch Buscetta die Justiz und empörte sich zugleich, weil ihm die Zeitungen Rachelust unterstellt hatten. Er habe "aufgehört zu hassen", ihm gehe es nur darum, daß "die Organisation zu bestehen aufhört". Denn rächen können hätte er sich auch anders ... Mit solchen "anderen" Methoden waren im Bandenkrieg zwischen konkurrierenden Mafia-Cliquen 14 der Familienangehörigen Buscettas, darunter zwei seiner Söhne, ermordet worden. Es waren Verbrechen, in denen sich ebenso wie in der düsteren Karriere des heute 56jährigen Geständigen der Wandel, ja, die chaotische Auflösung dessen spiegelt, was sich einmal als "ehrenwerte Gesellschaft" wenigstens an den Regeln einer Ganovenmoral orientiert hatte.

Als Buscetta, bis dahin ein eher kleiner Mafioso, Anfang der sechziger Jahre nach Amerika geschickt wurde (den Paß erhielt er durch Empfehlung eines christdemokratischen Abgeordneten), hatte die Organisation bereits ihre traditionellen Tätigkeiten wie Schutzgelderpressung, Zigarettenschmuggel und Bauspekulation um einen viel einträglicheren Geschäftszweig erweitert: den Rauschgifthandel. Von Brasilien aus organisierte Buscetta die Drogentransporte aus Bolivien und Peru; zeitweilig soll er bis zu 200 Kleinflugzeuge eingesetzt haben. In geheimen Raffinerien Siziliens, scheinbar harmlosen "Familienbetrieben", begann man, Morphin in Heroin zu verwandeln und in alle Welt; vor allem nach Nordamerika, zu liefern. Ein Handel, der nach polizeilichen Schätzungen jährlich rund zweieinhalb Milliarden Mark Reingewinn erbringt – schmutziges Geld, das zum Teil auf der Insel bleibt und "gesäubert" wird, indem man etwa harmlose Rentner als Strohmänner gewinnt. Drei solche alte Herren erhielten beispielsweise in Palermo zweieinhalbtausend von viertausend vergebenen Baugenehmigungen ...

Solche unvermeidlichen Umwege zwingen die Mafia aber auch, sich mafiafremder "Handwerker" zu bedienen – vom kleinen Kriminellen bis zum großen "Vetter" in der Kommunalpolitik –, ohne deren Gangsterloyalität stets sicher sein zu können. Dies provoziert Mißtrauen, Konkurrenz, ja blutige Rivalität unter alteingesessenen, aber auch neuen Mafia-Clans. Nicht zuletzt deshalb geriet ein Mann wie Buscetta schon 1972 ins Netz der brasilianischen Polizei. Er wurde nach Italien ausgeliefert und zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt, brachte es dann zwar fertig, schon 1980 wegen "guter Führung" bedingt freigelassen zu werden (und sofort wieder nach Brasilien zu fliehen). Doch obwohl er sich anschließend von geschickten Chirurgen das Gesicht, ja sogar die Stimmbänder verändern ließ, gelang es ihm nicht, anerkannt der den Mafiafehden auszusteigen. Dabei spielte auch eine Rolle, daß er sich nicht mit den Millioneneinnahmen seines Taxigroßunternehmens in São Paulo begnügte, sondern im Überseehandel mit Drogen weiter mitmischen wollte.