Von Barbara Ungeheuer

Wenn sie ein Er wäre, heißt das Gesellschaftsspiel dieser Saison. Die New Yorker Frauen, ob Yuppie (die junge Karrierefrau), Hausfrau oder Rentnerin, sie alle sind besonders eifrig mit von der Partie. Denn Geraldine Ferraro, die Kongreßabgeordnete aus dem New Yorker Stadtteil Queens, hat als erste Frau die Achterbahn der Kirmes bestiegen, die bislang nur Männern Zutritt bot. Die erste weibliche Kandidatin für das zweithöchste Amt der USA muß sich eine Intensivkontrolle gefallen lassen, wie sie keinem Mann widerführe – so befindet die große Mehrheit der Frauen im ganzen Land, die neuerdings den Männern immer penetranter ins Wort fallen, wenn am Kantinentiscn, zu Hause oder auf Parties politisiert wird.

Sie hatten Ende August die rasende Talfahrt der demokratischen Vizekandidatin am Fernsehschirm miterlebt, als sie von 200 Reportern wegen ihrer Familienfinanzen auf den Grill gelegt wurde, bis denen nach anderthalb Stunden die Puste fürs Feuer ausging. Und sie sahen auch die Frau im königsblauen Kleid auf den Berg entschwinden, den sie kühl, heiter beschwingt und wie ein alter Profi erneut erklommen hatte. Geraldine bestand den Lackmus-Test, eine Tatsache, die heute schon den meisten amerikanischen Frauen wichtiger als der Wahlausgang erscheint, egal welcher Partei sie angehören. Anmut unter Druck beweisen, die Nerven behalten, auch wenn öffentlich am Charakter gehobelt wird, diese, bisher als männliches Privileg geltende Eigenschaft, hat Gerry Ferraro durch ihr souveränes Auftreten zur weiblichen Tugend erklärt.

Selbst Walter Mondale war es um seine „historische Wahl“ so bange, daß er in der Woche des Finanztumultes stumm blieb wie die Fische, die er in Minnesota angeln ging. Derweil kämpfte Geraldine in New York um ihr politisches Überleben. Erst als sich herausstellte, daß Ferraro-Ehemann John Zaccaro gar nicht der Windhund ist, den man im heißen Immobiliengeschäft von Manhattan immer gleich sucht (und oft auch findet), trat fighting Fritz wieder in den Ring.

Sicherlich ist im Ferraro-Haushalt nicht alles so koscher gehandhabt worden, wie das die Sauberkeitsapostel seit Watergate gern gesehen hätten. Ein bißchen auf italienisch gewurstelt wurde da schon, als Geraldine im Kongreß angab, sie hätte mit den Geschäften ihres Mannes nichts zu tun. Auf diese Weise umging sie die Abgeordnetenpflicht, das Gattenvermögen anzugeben, und dies obwohl sie auf dem Zaccaro-Firmenkopf als Schatzmeisterin fungierte. Daß die beiden soviel verdienten, daß die Steuer immerhin 40 Prozent ihres Einkommens verschlang, enttäuschte am Schluß einer Pressekonferenz nur noch den jungen Reporter des konservativen Wall Street Journal. Nach dieser Enthüllung sah er seine Chancen auf einen Pulitzer-Preis für investigierenden Journalismus dahinschwimmen.

Mit der schon legendären Chuzpe einer waschechten New Yorkerin entwaffnete sie selbst die alten Hasen, als sie – nach der Klärung eines anderen wunden Punktes – die Hände gen Himmel warf und die „Jungs“ um Verständnis bat: „It doesn’t look so hot – das sieht nicht gut aus, habe ich zu John schon damals gesagt. Was passiert ist, ist halt passiert, was soll ich dazu jetzt noch sagen.“ Die Reporter klatschten. Die Kandidatin konnte verspätet die langwierige Reise beginnen, die sie täglich in drei verschiedene US-Staaten führt.

„Ich war naiv“ sind die Worte, die Geraldine Ferraro in den Kopf kommen müssen, wenn sie auf die ewig giftgrünen oder blutorangenfarbenen Nylonplüschteppiche ihrer Hotelzimmer blickt. Hier spricht sie jeden Morgen ins Tonband, was keiner hören darf – noch nicht. Die Kassetten, über die sie wacht wie eine Staatsanwältin, die sie einmal war, sind mehr als nur Gerüste für spätere Memoiren. Psychische Selbsthilfe hat diese gläubige Katholikin nötig, seit ihr der Bischof ihrer eigenen New Yorker Diözese den Fehdehandschuh vor die Füße warf. Sie verfälsche die Lehre der katholischen Kirche, so wetterte John O’Connor, wenn sie weiterhin propagiere, daß Abtreibung eine persönliche Entscheidung sei, die jede Frau für sich treffen könne.