Von Caroline Neubaur

Für Hegel, meint Nietzsche, seien der Höhepunktund der Endpunkt des Weltprozesses J. in seiner eigenen Berliner Existenz zusammengefallen. Er habe „in die von ihm durchsäuerten Generationen iene Bewunderung vor der ‚Macht der Geschichte‘ gepflanzt, die zum Götzendienste des Tatsächlichen führt: für welchen Dienst man sich jetzt die sehr mythologische und außerdem recht gut deutsche Wendung ‚den Thatsachen Rechnung tragen‘ allgemein eingeübt hat.“

In Rahel Varnhagens Berliner Existenz kann man einen Höhepunkt des Seelenprozesses in weltbürgerlicher Absicht erblicken. Sie versuchte, den Tatsachen-Rechnung zu tragen, und strich dann Tatsachen und Rechnung immer wieder durch. „Enthält jeder Erfolg in sich eine vernünftige Nothwendigkeit, ist jedes Ereigniss der Sieg des Logischen oder der ‚Idee‘ – dann nur hurtig nieder auf die Kniee und nun die ganze Stufenleiter der .Erfolge’ abgekniet!“ (Nietzsche). „Auf das Selbstdenken kommt alles an, auf die Gegenstände oft sehr wenig; wie oft auf die Geliebte selbst weniger als auf das Lieben“, meint Rahel und, noch expliziter: „Aus Facta mach ich mir gar nichts“.

Hannah Arendt stilisiert Rahel Varnhagen in ihrer schönen, identifikatorischen „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“ zu derjenigen, die das Schicksal, Jüdin zu sein, einsichtiger als irgendein Philosoph in Erfahrung umzusetzen versucht hat: „Rahels Kampf gegen die Fakten, vor allem gegen das Faktum, als Jude geboren zu sein, wird schnell zum Kampf gegen sich selbst.“

Aber Rahel selbst ist spannender als die Rahel der Hannah Arendt. Vielleicht darf man sie nicht so früh unter dem Aspekt eines verallgemeinerbaren Schicksals betrachten, des jüdischen, des der „schreibenden Frau“. Vielleicht muß man sie erst einmal als die Exzeptionelle auf sich wirken lassen, als die sie selbst sich sieht. „Ich bin so einzig, als die größte Erscheinung dieser Erde. Der größte Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang, und gehören zusammen ... Mir aber ward das Leben angewiesen.“

Es stimmt, sie ist einzig, aber sie ist auch einzig, weil jeder einzig ist, und diese Verallgemeinerung klingt bei ihr als Anspruch immer mit. An Pauline Wiesel, die Geliebte des Prinzen Louis Ferdinand, an „Polle“, ihre beste Freundin, kann sie schreiben: „Nur Einmal konnte die Natur zwei solche zugleich leben lassen. In diesem Zeitalter.“

Und, wieder an Pauline: „... eine Brücke, ein Baum, eine Fahrt, ein Geruch, ein Lächeln, kurz die ganze Oberfläche der Welt spricht unsere zehn gesunde Sinne an, und unsere köstlichen innren. Und so wollen wir’s versuchen, es wird, es muß sich um so geistreiche, gemüthvolle, unschuldige Wesen eine Gesellschaft bilden.“