Von Christian Schmidt-Häuer

Des Kremls Weltgendarm mit der kummervollen Buster-Keaton-Miene spielte den gutgelaunten Kauz, während Washingtons gelernter Schauspieler mit dem einstudierten Präsidenten-Lächeln eher kantig wirkte. Kräftig knisterte das Feuer, an dem sich der altkommunistische Beelzebub aus dem "Reich des Bösen" (Reagan über Gromykos Rußland) und der antikommunistische Oberherr der "Lügner, die schlimmer als Hitler und Eichmann sind" (Komsomolskaja prawda über Reagans Regierung) freundlich zusammensetzten.

Es war zumindest der Phototermin des Jahres: Auf der einen Seite posierte der 75jährige Andrej Gromyko, der selbst neun Jahre in Amerika gelebt hat, der mit neun amerikanischen Präsidenten und 14 Außenministern verhandelte, der bisher sechs sowjetischen Parteichefs diente, und der seit über vierzig Jahren mehr Akte der Weltpolitik mitgestaltet hat als Reagan sie wohl in seinen Akten nachgelesen hat. Aber – dieser Langzeit-Minister ist in den letzten Jahren auch der Architekt einer Abschottungspolitik gewesen, die Moskau weltweit und zuletzt sogar im eigenen, osteuropäischen Hinterhof ins Hintertreffen geführt hat und die deshalb jetzt korrigiert werden muß.

Gromyko gegenüber saß für fast vier Stunden der 73jänrige Ronald Reagan, der noch nie mit einem Mann aus dem Kreml konferierte, der unmittelbar vor dem Besuch zum erstenmal gezielt einen Packen Bücher über Rußland las. Aber – dieser Kurzzeit-Arbeiter ist auch der Mann, der Amerika mit einem (viele Menschen ängstigenden) Kreuzzug militärisch, außenpolitisch und wirtschaftlich zu neuer Macht und zu einem die Sowjetunion beängstigenden Vorsprung geführt hat.

Entsprechend dieser Rollenverteilung hielt Reagan – ohne konkrete Vorschläge zu unterbreiten – vor den Vereinten Nationen die mildeste Rede seiner Amtszeit nach dem unverhohlenen Motto: Erst wer sich stark fühlt, kann sich freundlich zeigen. Und Gromyko bestätigte diese Devise indirekt, indem er mit gewohnter Feindseligkeit über Amerika herzog – aber diesmal die Tür nicht zuschlug, sondern angelehnt ließ. Nach Jahren der verlorenen Zeit kam es wenigstens zur Stunde Null zwischen den Supermächten.

Wenn sich aus den Bekundungen von Reagan und Gromyko überhaupt Ansatzpunkte für gemeinsame Schritte zwischen den Supermächten heraushören lassen, dann lautet die Marschrichtung: Vorwärts in die Vergangenheit. An drei Punkten ist das abzulesen:

  • Der amerikanische Präsident hat vorgeschlagen, daß die Abrüstungsgespräche zu einem "Schirm" für die Diskussion der Supermächte werden sollten. Das genau waren die Salt-Verhandlungen: Moskaus roter Faden für die Beziehungen zu Washington überhaupt. Der Faden riß, als der amerikanische Kongreß den von Carter und Breschnjew in Wien 1979 bereits unterzeichneten Salt-II-Vertrag nicht ratifizierte.
  • Reagan und Gromyko haben in ihren Reden – wenn auch in unterschiedlicher Tonart – die eigene Supermacht als Friedensapostel und die jeweils andere Seite als potentielle Kriegsgefahr hingestellt. Aber übereinstimmend und stärker als in letzter Zeit strichen sie heraus, daß die globale Sicherheit entscheidend von der Annäherung der Supermächte abhänge. Die wechselseitigen Schuldzuweisungen klangen mehr nach Vergangenheitsbewältigung. Die vagen Zukunftshoffnungen richten sich wieder stärker auf die Rückkehr zum Bilateralismus – den Moskau auch wegen der aufmüpfigen Osteuropäer für opportun erachtet.
  • An die Spitze der Agenda sind die Weltraumwaffen gerückt. Ihre immensen Kosten sind für Moskau zum Alptraum geworden. Dagegen scheint der prestigebeladene Streit um die Mittelstreckenraketen, bei dem die Sowjets auf dem Abzug der Pershing II und Cruise missiles als Voraussetzung für die Wiederaufnahme der Genfer Gespräche beharren, fürs erste durch Zurückstellung gedämpft worden zu sein. Der Hauch einer Chance liegt jetzt darin, daß die Supermächte mit Gesprächen über Killer-Satelliten beginnen (wo beide die geringsten Prestige-Einbußen riskieren) und daß die Amerikaner einem Teststopp für die Dauer ernsthafter Verhandlungen zustimmen.