Während der Arbeitskämpfe in der Bundesrepublik um die 35-Stunden-Woche waren sich Öffentlichkeit und Medien Japans in ihrem Urteil einig: ein abschreckendes Beispiel des Niedergangs deutscher Arbeitsmoral.

Nach der Moralpredigt ist Tokio nun zur Vorwärtsverteidigung gegen den Bazillus westlich dekadenter Einstellung zur Arbeit übergegangen. Denn gänzlich ohne Konzessionen an den internationalen Trend zur Arbeitszeitverkürzung scheint es den Japanern zweifelhaft, ob sie weltweit als die Nummer eins unter allen Industriestaaten anerkannt werden, die sie gern sein möchten.

Nippons Gewerkschaften halten ohnehin nicht viel von dem Paradies angeblich harmonischer Firmenfamilien ohne wesentliche Arbeitslosigkeit und egalitärer Einkommensverteilung, dessen Lobpreis zu verkünden das amtliche Japan nie müde wird. Für sie ist einiges faul im fernöstlichen Industrieparadies. Deshalb wird die Forderung nach einem Acht-Stunden-Tag bei einer Fünftagewoche immer lauter.

Um dieser gefährlichen Tendenz in den Anfängen zu wehren, hat jetzt der Beirat für Arbeitsrecht beim Arbeitsministerium in Tokio ein listenreiches Reformwerk präsentiert, das Nippons Arbeitsmarktbedingungen näher an das Weltniveau heranführen soll: 1986, so meinen die Experten, sei die Zeit reif für die erste gesetzliche Arbeitszeitverkürzung seit 1947. Die 48-Stunden-Woche habe dann ausgedient. Für eine 40-Stunden-Woche mag der Beirat allerdings auch nicht plädieren. Dazu, so erklärt sein Report kurz und bündig, sei es in Japan „noch zu früh“.

Aber 45 Wochenstunden könnte die Wirtschaft des Inselreiches schon verkraften, ohne Chaos und Kollaps zu riskieren. Und obendrein sollen den Beschäftigten nicht wie bisher sechs, sondern gleich zehn bezahlte Urlaubstage beschert werden. Und die Fünf-Tage-Woche wollen die Experten so einführen, daß nicht 8, sondern 9 Stunden pro Tag geschafft wird.

Seither hagelt es bitteren Protest, und die Fachleute wundern sich, daß beide Tarifpartner gemeinsam gegen die Empfehlungen Sturm laufen. Das Management zeigt sich entsetzt über den zügigen Marsch in die Fünftagewoche, die nach amtlichem Befund erst in zehn Prozent aller Unternehmen und selbst dort in der Regel nur ein- oder zweimal pro Monat praktiziert werden.

Die Gewerkschaften dagegen wüten gegen die Erhöhung der Tagesarbeitszeit. Beide Lager beschwören Produktivitätsverlust und Abdrängung weiblicher Mitarbeiter, die für eine Familie zu sorgen haben und damit als billige Arbeitskraft ausfallen können.