/ Von Klaus Pokatzky

Im feinen Gasthof "Alte Sonne" schmausen die Honoratioren des schwäbischen Ludwigsburg des Mittags Deftiges aus ihrem Ländle. Den jungen Mann, gepflegtes Kurzhaar, braune Cordhose, sportliches Jackett mit aufgesetzten Wildlederflicken an den Ärmeln, begrüßen sie so respektvoll, als wäre er der Landrat persönlich oder der im geistlichen Amt ergraute Herr Pfarrer. Dabei ist er erst 35, aber die letzten 19 Jahre davon hat er in der Politik verbracht, und die stetige Karriere ihres Matthias Wissmann haben die Ludwigsburger in all den Jahren sehr genau mitverfolgen können – erst in der Lokalzeitung, dann ganz rasch im Fernsehen.

Eine Laufbahn wie aus dem politischen Bilderbuch: Mit 16 tritt der Gymnasiast und lokale Hockey-Crack in die Junge Union ein, mit 17 ist er deren Ortsvorsitzender und sitzt neben biederen älteren Herren im CDU-Kreisvorstand. Mit 22 wird er in den Bundesvorstand des Unionsnachwuchses gewählt, mit 24 ist er deren Bundesvorsitzender – für fast zehn Jahre. 1976, mit 27, nimmt er dem Konkurrenten von der SPD das Ludwigsburer Bundestagsmandat ab und hält es seitdem souverän – bei der vergangenen Wahl mit 8,5 Prozent mehr Erst- als Zweitstimmen, was außer ihm, wie er bei Spätzle und Rahmgulasch genüßlich einfließen läßt, nur noch der SPD-Landsmann Volker Hauff in Esslingen zustande gebracht habe, sonst aber niemand. Und nun ist er wirtschaftspolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, und Staatssekretär oder Minister wird er auch schon noch werden – wenn da nicht ganz Außergewöhnliches dazwischenkommt.

Wohl jeder Bonner Hinterbänkler sehnt sich bis zur Pensionierung danach, eines Tages doch noch groß rauszukommen: Nicht nur im Wahlkreis bekannt, sondern bundesweit prominent zu sein – gefragter Interviewpartner im Fernsehen, origine Her Zitatengeber im Spiegel. Das hat Matthias Wissmann mit seinen 35 Jahren alles schon hinter sich, und, wie er hofft, auch abgehakt. Wenn er heute irgendwo die Scheinwerfer des Fernsehens aufleuchten sieht, bleibt das lustvolle Prickeln auf der Haut aus. Ihn haben die vielen Blicke, die er hinter die Scheinwerfer tun durfte, doch reichlich desillusioniert und auch mit einer kleinen Portion Zynismus versehen.

Der homo politicus, als der er sich selbst gern bezeichnet, dieser Mensch also, der sich der Politik ganz ergeben hat, bringt Opfer – Erfolge hin, Bekanntheit her. Die Seele wird auf vielfältige Weise angekratzt. So will man ja doch nicht sein, wie man sich im dritten Lebensjahrzehnt dem Zuschauer dargeboten hat: so adrett und glattgesichtig nett, so strebsam, emsig und erfolgreich. Muttis liebster Schwiegersohn. Daß einen alle so gesehen haben, ohne Ecken und Kanten und Charakter, und daß einen viele immer noch so sehen, schmerzt.

Die einen beobachteten ihn durch diese Brille mit hämischem Spott. Das waren die Gleichaltrigen, denen es verdächtig war, wenn man als Jugendlicher in diese biedermännische Christenpartei eintrat, wo doch erst die Apo angesagt war, und danach, 72, man Willy wählen ging. So einer wie der Wissmann konnte da doch nur auf Karriere aus sein.