Endlich ist eins der wichtigsten Ereignisse unserer staatlichen Jugendpolitik, ist der Überfall auf das Nürnberger Jugendzentrum Komm Thema eines Jugendbuchs geworden –

Rudolf Herfurtner: „Rita Rita“; Sauerländer Verlag, Aarau/Frankfurt; 156 Seiten, 22,80 DM.

Und der Autor, im erzählenden Umgang mit Szene-Aktualitäten geübt (zum Beispiel in „Hard-Rock“), hat sich nicht verleiten lassen, den Skandal effektvoll zu kolportieren oder räsonierend auszuwalzen zu Leitartikelbreite, er hält vielmehr die Fakten sorgfältig im Hintergrund und macht uns um so neugieriger. Seine Geschichte um Rita zeigt den Fall so, wie er sich drei mehr oder weniger beteiligten Jugendlichen dargestellt haben könnte – man erinnert sich: Damals kam es in Nürnberg zu den bislang größten Massenverhaftungen unserer Republik, junge Leute wurden wochenlang in Gefängnissen gehalten, am Ende war es der Fall der Justiz selber.

Herfurtner schildert, was in bayrischen Unterrichtsstunden nicht besprochen werden durfte, aus der Tagebuchperspektive des Mädchens Rita. Sie interessiert sich für die Ereignisse nur in dem Maß, in dem ihr neuer Freund Franz hineingezogen wurde und in dem ein anderer, Rollo (der ihr Freund sein möchte), aktiv mitmacht, als Sprayer. Im Vordergrund also drei Figuren, in denen jüngere Leser sich ohne weiteres wiedererkennen könnten, wenn –

ja, wenn. Nichts dagegen, daß Tagebücher von Jugendlichen natürlich deren Unausgegorenheit zu dokumentieren haben. Wie aber dokumentiert man die? Indem man auf vier Zeilen dreimal „echt“ zusetzt, auf vier Zeilen viermal „Scheiß“? Indem man, nur wenige Seiten vorher, von derselben Autorin Rita, Lyrismen formulieren läßt wie „staubfeiner Regen“ oder, wiederum von derselben „Echt“-und-„Scheiß“-Autorin, Theoretisches wie: „Das Tagebuch: ein Dokument permanenter Selbstidealisierung“ Mag sein, solches Schwanken zwischen Kunstsprache, Begrifflichkeiten und Extrem-Jargon, das ist sie eben, diese Unausgegorenheit. Das alte Handwerksproblem, wonach man Langeweile nicht langweilig darstellen kann, scheint auch hier vorzuliegen: Sprachliche Enge als Sprachnot vorzuführen, fällt auf den Autor zurück. Auch wenn Heranwachsende tatsächlich so oft „echt“: zusetzen: Weder; ergibt die Photographie der Krupp-Werke ihr wahres Bild, noch gibt uns das Tonband Aufschlüsse über Sprache. Sogar Jargon und gerade der kann brillant sein – und verräterisch.

Wenn’s aber nur die Wortwahl wäre. Diese wichtige Story, vom Autor so geschickt wie gescheit ins Private zurückgenommen, wird am Anfang so verschachtelt erzählt, daß man erst nach wiederholtem Lesen der ersten dreißig Seiten in Stoff und Figuren hineinfindet. Wenn zum Beispiel ein Jugendbuch mit dem Satz anfängt: „Daß ausgerechnet sie mich anrufen würde...“, dann möchte man meinen, hier schreibe ein „er“ über eine „sie“. Daß hier aber eine „sie“ beginnt, muß erst mit ein paar Zeilensprüngen gegengelesen werden. So eröffnet Herfurtner seine Partie überall. Er überschüttet uns mit „ihrem“ Ärger über eine Großmutter, ohne daß wir einsehen können, warum sich die Schreiberin dermaßen aufregt. Auf den ersten Seiten fast nur Kopf-Ereignisse, Gefühle, Empfindsamkeiten, Träume, Ärger – dabei sollen diese Geschichten, so verspricht der Klappentext, um „Rita, die Flipperkönigin“ gehen. Beherrschung eines Geldapparats? Gern hätte ich von solcher sinnenfrohen Könnerschaft gelesen, aber nein: „Rita Rita, jetzt schreibst du schon übers Schreiben.“ Dies und ähnliches notiert sich die „Flipperkönigin“ ins Tagebuch – jedenfalls zu Beginn.

Nach und nach wird dann klar, warum und mit wem sie ihre Probleme hat. Mit ihrem Vater, dem Baulöwen. Aber auch mit Franz, in den sie unglücklich verliebt ist – deswegen nunmehr fünfmal „Scheiße“. In fünf Zeilen. Erst ab Seite 30 dürfen wir ihr endlich beim Flippern zusehen und sind fasziniert. Lediglich „klacken“ da, scheint mir, allzu viele Freispiele – wo bleibt hier der Apparat, der auch unsere besten Reaktionen besiegt und am Ende bekanntlich Kasse macht.