Von Eva Marie von Münch

Pünktlich zum Deutschen Juristentag in Hamburg erschien ein Buch, das mit den in Hamburg diskutierten Sachthemen nichts, mit deutschen Juristen aber sehr viel zu tun hat: Juristinnen in Deutschland. (Eine Dokumentation, 1900-1984. Herausgegeben vom Deutschen Juristinnenbund, J. Schweitzer Verlag, 1984, 18 Mark.)

Die Dokumentation zeichnet ein Kapitel deutscher Geschichte nach, das sowohl zum Thema „Frauenbewegung in Deutschland“ wie zum Thema „Juristen in Deutschland“ paßt. Sie zeigt, wie mühsam der Weg war, der Frauen bevorstand, wenn sie aus der Privatheit von Wohnküche oder Salon hinausstrebten in die Öffentlichkeit des Gerichtssaals, wie schwer es war, die Schnürtaille gegen die Robe des Anwalts, Richters oder Staatsanwalts zu tauschen.

Wir haben ja fast vergessen, daß unsere Urgroßmütter – wollten sie studieren – ins schweizerische Zürich auswanderten, wo sie wenigstens promovieren durften: die Historikerin Ricarda Huch schaffte es 1887, die Juristin Anita Augspurg 1898. Als deutsche Universitäten Anfang dieses Jahrhunderts ihre juristischen Fakultäten auch für Frauen öffneten, blieben die Türen zu Gerichtssaal oder Anwaltskanzlei dennoch fest verschlossen: Zu den juristischen Staatsprüfungen wurden Studentinnen nicht zugelassen. Das änderte sich erst im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts: als erster Bundesstaat ließ Bayern Frauen 1912 zum Referendarexamen zu, aber Preußen, der größte deutsche Bundesstaat, folgte erst 1919. Zwar beschloß der Reichstag schon 1922, „die Fähigkeit zum Richteramte kann auch von Frauen erworben werden“ (was zugleich bedeutete, daß Frauen Anwälte werden durften), doch zögerten viele Bundesländer, Frauen ihre durch Studium und Examen erworbene Fähigkeit auch ausüben zu lassen. Die erste Rechtsanwältin wurde 1922 in München zugelassen; Hamburg übernahm erst 1931 die erste Assessorin in den Justizdienst.

Zwei Jahre später, 1933, flog sie schon wieder hinaus. Denn während der Nazizeit galt die Justiz als Sache der Männer. Eine Frau als Ärztin oder Lehrerin – das mochte noch angehen. Doch „die Hereinnahme der Frauen in die Gerichtsbarkeit bedeutete ein schweres Unrecht gegen den Mann wie gegen die Frau selbst. Das Unrecht wider den Mann gipfelt in dem Einbruch in den altgeheiligten Grundsatz der Männlichkeit des Staates“. Neue Anwältinnen wurden nicht zugelassen, bereits festangestellte Richterinnen auf ausdrücklichen Wunsch des Führers in die Verwaltung abgeschoben, alle anderen entlassen.

Das änderte sich erst, als das Hitlerreich zusammenbrach und mit ihm der Grundsatz der Männlichkeit des Staates verschwand. Heute ist mehr als ein Drittel der Jurastudenten weiblich, es gibt Frauen in allen juristischen Berufen. Ihre Karrierechancen sind zwar immer noch nicht so wie die der Männer, aber es gibt sie immerhin.

Diese Entwicklung – mühsamer Anfang, erste Erfolge, plötzliches Abbrechen, Wiederanfang nach 1945 – wird auch in den drei der Dokumentation angefügten „Lebensbildern“ deutlich. Marie-Elisabeth Lüders, 1878 geboren, war eine temperamentvolle Politikerin, die dem Reichstag von 1919 an angehörte, in der NS-Zeit verhaftet wurde, in einer psychiatrischen Klinik überwinterte und dann bis 1961 im Bundestag saß. Ihr Porträt bleibt leider ein wenig blaß, das beigefügte Photo vermittelt mehr von der Lebendigkeit dieser Person.