Von Ulrich Schiller

Washington, im Oktober

Besseres hätte Ronald Reagan gar nicht widerfahren können: Wissender, erfahrener und sichtlich auch gestärkt durch das Treffen mit Gromyko geht der Präsident in das nächste große Wahlkampfereignis, in die erste Fernsehdebatte gegen Walter Mondale am kommenden Sonntag. Der außenpolitische Berater des Demokraten, David Aaron, spielte das tête-à-tête gelassen herunter: "Wenn’s erfolgreich gewesen wäre, hätten sie uns das längst wissen lassen."

Millionen Amerikaner, Menschen in aller Welt, selbst die sowjetischen Fernsehzuschauer sahen – gemessen am feindseligen Verhältnis der Supermächte in den letzten Jahren – plötzlich sensationelle Bilder: Reagan und Gromyko sitzen vor dem prasselnden Kaminfeuer, Reagan geleitet Gromyko sanft über eine Schwelle auf dem Wege zum Essen, ein aufgekratzter Gromyko macht artige Trinksprüche und bittet Nancy Reagan, da er von ihrem Einfluß auf den Gemahl gehört habe, diesem abends "Frieden, Frieden" ins Ohr zu wispern.

Prompt wurde in einer Wahlkampfveranstaltung dem Präsidenten die Frage gestellt, ob er sich eine Freundschaft mit dem sowjetischen Außenminister vorstellen könne. Amerikaner nehmen eben, wie die tiefe Enttäuschung über die "Détente" bewies, Gesten oft für wahre Empfindungen. William Hyland, Sowjetberater unter Präsident Nixon, Ford und Carter und heute Chefredakteur der renommierten Zeitschrift Foreign Affairs, sagt dazu: "Gromyko kann halt nicht hierherkommen, Hände schütteln und den Präsidenten treffen, ohne etwas Erleichterung in die Atmosphäre zu bringen und auf beiden Seiten Erwartungen zu erzeugen." Hyland glaubt zwar nicht, daß bis zum Frühjahr 1985 wirklich etwas geschehen wird, meint aber, die Russen hätten wahrscheinlich doch die Tür zu Verhandlungen mit Reagan aufgemacht. Henry Kissinger spekuliert: Reagan bewege sich offenbar in die Richtung einer ausgehandelten Koexistenz mit der anderen Supermacht.

Das kann sein, Genaues weiß aber niemand. Vorläufig haben sich der amerikanische Präsident und der Repräsentant der sowjetischen Führung nur die Meinung gesagt und einander zugehört. Alles weitere liegt im Nebel der Zukunft. Ohne Zweifel war es ein dramatischer Vorgang. Außenminister Shultz schien noch von innerer Erregung gepackt, als er der Presse am Freitagnachmittag erste Eindrücke von der Begegnung und ein Minimum an Information vermittelte. Shultz sprach von einem "sehr persönlichen, intensiven Meinungsaustausch"; er habe einen "kraftvollen, aggressiven" Gromyko erlebt. Sicherheitsberater McFarlane verriet später, zeitweise sei es "gereizt" und "heftig" zugegangen.

Reagan hatte sich gründlich vorbereitet und umfangreiche Positionspapiere studiert: zur Geschichte der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, zum letzten Stand der Abrüstungsverhandlungen, zu Handels-, Schiffahrts- und Konsularfragen, zu regionalen Konfliktherden wie Afghanistan, Naher Osten, Mittelamerika oder dem irakisch-iranischen Krieg, aber auch zur verzweifelten Lage der Sacharows und anderer Dissidenten, auf deren Schicksal Andrej Gromyko freilich nicht ansprechbar war. Daß Reagan bereits zu Lebzeiten Andropows an ein Gipfeltreffen dachte, wird ebenso glaubwürdig berichtet wie die Tatsache, daß in jüngster Zeit das eine oder andere Rußlandbuch auf seinem Nachtisch gelegen habe.