Von Marion Gräfin Dönhoff

Viele Menschen haben Zeugnis abgelegt über Richard von Weizsäcker in dem Buch, das seinen Namen trägt und im Untertitel "Profile eines Mannes" heißt. Die Herausgeber Werner Filmer und Heribert Schwan haben über hundert Leute – eigentlich zu viele – angeregt, aufzuschreiben, welche Erinnerungen sie mit dem Bundespräsidenten verbinden.

Der Chor der Zeugen reicht von der Schulzeit, die er, noch nicht siebzehnjährig, in Berlin mit dem Abitur beendete, über eine kurze Studienzeit in Oxford und Grenoble, den Arbeitsdienst, bis zu den Jahren an der Ostfront. Nach Kriegsende folgt die Zeit beim Nürnberger Militärgericht, über die der Verteidiger seines Vaters, Professor Hellmut Becker, und der Hauptankläger, Robert M. W. Kempner, berichten. Jahre in der Industrie schließen sich an. Der Kirchentagspräsident, seine Auffassungen und seine Tätigkeiten, wird sehr überzeugend geschildert und schließlich werden alle Aspekte des Politikers Richard von Weizsäcker unter die Lupe genommen.

Viel Zufälliges, viel Anekdotisches wird da neben Wichtigem und Erhellendem mitgeteilt. Jeder Lebensabschnitt wird eingeleitet durch ein einfühlsames Vorwort der Herausgeber. Und am Schluß enthält das Buch drei Kapitel, die einen Eindruck von der Besonderheit der Familie Weizsäcker geben. Deren Titel: "Ein konservativer Patriot im Dienst Hitlers – Ernst Freiherr von Weizsäcker", "Jeder Antwort noch eine Frage hinzufügen – Carl Friedrich von Weizsäcker", "Die Sprache des Organischen – Victor von Weizsäcker".

Das Bild, das von Richard von Weizsäcker entsteht, ist ungewöhnlich homogen. Auch wer ihn nicht persönlich kennt, bekommt durchaus einen Eindruck von der Geschlossenheit dieser Persönlichkeit. Alle Schreiber betonen immer die gleichen Eigenschaften: sehr differenziert, geduldig im Zuhören, gelassen, nachdenklich, charmant, witzig. Und auch dies: ein wenig unnahbar. "Weizsäcker erweckt mehr Vertrauen, als er Vertraulichkeit anbietet oder sucht", meint der ehemalige Dir visionsgeistliche, Johannes Doehring.

Weizsäcker wird von allen als durch und durch liberal und tolerant geschildert, das heißt, im konfessionellen Bereich ist er als engagierter Protestant offen für alles Katholische – im politischen vor allem auf das Grundsätzliche bedacht, ohne besonderes parteipolitisches Interesse. Ein idealer Bundespräsident also, möchte man meinen und hinzufügen, so schlecht kann das viel kritisierte System ja nicht sein, wenn es möglich wird, daß der Mann, der wie kein zweiter prädestiniert dafür ist, an die Spitze des Staates gelangt.

Der Eindruck, der nach der Lektüre bleibt: Hier ist ein Deutscher, der seit früher Jugend alle Schicksalsschläge, die sein Volk betroffen haben, in ihrer ganzen Tiefe durchlitten hat. In seinem Regiment, dem berühmten IR 9, das nach dem 20. Juli 1944 19 Offiziere im Widerstand gegen Hitler verlor, fiel am zweiten Tag des Krieges sein Bruder. Er war das erste Opfer unter den Offizieren des Regiments. Der 21jährige Richard hielt in jener Nacht in der Tuchler Heide die Totenwache bei ihm.