Von Armgard Seegers

Achselzucken ist längst die einzige Bewegung, zu der die meisten Menschen beim „Thema Hitler“ noch fähig sind. Wer die Zeit selbst miterlebt hat, möchte nicht mehr daran erinnert werden; während die Jüngeren, abgespeist mit historischen Fakten, halbdokumentarischen Filmen und verschwiemelten Erzählungen von Eltern und Großeltern, so tun, als hätten sie mit dieser Epoche nichts zu tun.

Die deutsche Tragödie ist zu einer Peinlichkeit geworden: Wo „no past“, keine Vergangenheit ist, ist auch „no future“, keine Zukunft. Der Zustand zwischen Übersättigung und Ausgehungertsein – denn eine wirkliche Beschäftigung mit und Aufarbeitung der Vergangenheit hat nie stattgefunden – heißt Gleichgültigkeit.

Heinrich Breloer hat in den letzten Jahren rund 1000 Tagebücher gelesen, die Menschen während der Hitlerzeit geschrieben haben (also keine „Hitler-Tagebücher Einige Lebensläufe der Tagebuchschreiber oder ihrer Hinterbliebenen hat er in einer Fernsehserie dargestellt. 27 dieser Tagebücher sind nun unter dem Titel „Mein Tagebuch – Geschichten vom Überleben 1939-1947“ erschienen. Sie geben das bewegendste und lebendigste Bild wieder, das ich mir jemals über diese Zeit machen konnte.

Die Tagebücher sind eine Chronik der Geschichte, vor allem aber eine Geschichte der Gefühle. Diese Geschichten, die das Leben schrieb, sind aufregend banal, schrecklich schön, quälend besänftigend: Zorn und Wut über so viel Blindheit, Begeisterung über deftige Kritik, Verzweiflung und große Naivität wechseln beim Lesen dauernd. Die wunderschönste Liebesgeschichte findet sich neben dem schrecklichsten Tod, geistige Beschränktheit neben glänzender Erkenntnis, Wer Zeitgenosse Hitlers war, der mag sich dort vielleicht selbst wiederfinden, für die Nachgeborenen aber, öffnet sich mit dieser Lektüre eine ganze Welt.

Allen Tagebuchschreibern gemeinsam ist: sie mußten in einer grauenvollen Zeit leben. Doch diese Erkenntnis ist manch einem erst nachher gekommen. Während ein fünfzehnjähriger Schuler nach dem Attentat auf Hitler schreibt: „Leider blieb der Schweinehund wie durch ein Wunder unverletzt“, schreibt ein Siebzehnjähriger ein paar Jahre früher: „Das schneidige Exakte der SA zog mich sofort an. Als ich dann hörte, daß diese Männer Saalschlachten gegen die Kommunisten schlugen, war ich gleich mit Begeisterung dabei, denn nichts haßte ich mehr als die Kommunisten.“ 1943 schreibt derselbe: „Ich glaube, wir Deutschen sind noch viel zu human.“ Bei Kriegsende erfaßt ihn „ungeheure Resignation und Enttäuschung“, daß „mein Stolz als Kompanieführer nun niedergeschmettert wurde.“

Später kann er es gar nicht fassen, daß er persönlich für seine Mitgliedschaft in der NSDAP zur Verantwortung gezogen werden soll. Er darf nicht mehr Feuerwehrmann werden. „Was hat denn mein Beruf mit der Partei zu tun? ... weil ich angeblich einer dieser Braunen war.“ Ein deutsches Schicksal par excellence.