Von Peter Fuhrmann

Wien, Ende November 1983. Proben fürein Benefizkonzert. Nichts Außergewöhnliches.Oder vielleicht doch, weil das Auge beim Betreten des „Großen Musikvereins“ statt des rot-goldenen Zierats sogleich die wuchtigen E-Kameras und einen Wald von Mikrophonen wahrnimmt, die ein mittlerweile schon eher gewohntes Medienereignis ankündigen?

Zehn Uhr früh: salopp gekleidet und jedermann freundlich zulächelnd schlängelt sich Leonard Bernstein durch die Reihen der Musiker ans Pult, gleichsam emporgetragen vom betont herzlichen Beifall der Philharmoniker, die ihn wenige Stunden später, was er noch nicht weiß, einstimmig zum Ehrenmitglied ernennen wollen – eine Auszeichnung, die bislang nur wenigen, darunter Furtwängler, Knappertsbusch und Karl Böhm, noch nicht hingegen Herbert von Karajan widerfahren ist.

Die Noten, mit denen man sich nicht zuletzt angesichts des naßkalten Herbstwetters „aufzuwärmen“ gedenkt, kennen die meisten wie im Schlaf: Haydns heitere und witzige, ja beinahe volkstümliche G-dur Sinfonie Nr. 88, aeren apollinische Klarheit und Größe in einer verblüffenden Einfachheit wurzeln. „Das haben wir drauf“ – so halten die meisten Philharmoniker sich selbst für hinreichend präpariert. Ein Mißverständnis, da der Dirigent sie unversehens in ihrer schon seit Gustav Mahler beklagten „Schlamperei“ entlarvt: „nochmals“, „again“, „ta-ta-ta, ta-ta-ta“ – das letztere leicht verzögert – korrigiert Leonard Bernstein immer wieder die ersten beiden Takte der Adagio-Einleitung des Kopfsatzes, den quasi elektrisch geladenen Sechzehntel-Auftakt und seine Nachschläge. Er läßt nicht locker.

Nach dreistündiger Probe beinahe ein Sauna-Erlebnis, vor allem aber die Einsicht, daß die in der Regel so unbedacht dahingeworfenen Introduktions-Akkorde beziehungsreich für den gesamten formalen Ablauf sind, daß jene nur scheinbare leggerezza voller abgrundtiefer Geheimnisse steckt. Auch in Wien brauchte man dafür Zeit. Müßige Frage: wie lange anderswo.

Fünfzehn Uhr: Fortsetzung mit der Haydn-Sinfonie. Der für den weiteren Programmpunkt bereite Pianist muß warten. Er wird schließlich auf den folgenden Tag vertröstet. Denn wiederum beißt Bernstein sich an Details fest, sehr wohl wissend, was bei einem so intuitiv reagierenden Ensemble keiner Erklärung bedarf. Also kein Wort zuviel. Hingegen eine nie erlahmende Spannung, Liebenswürdigkeit, Engelsgeduld. Die unbändige Lust des Dirigenten reißt alle mit, selbst in schöpferisch toter Nachmittagszeit. Tarifliche Normen mißachtend, läßt Bernstein gegen achtzehn Uhr das ganze Werk durchspielen, wobei er sich erlaubt, nach dem Auftakt zum spritzigen Finale die auf vollen Touren laufende Musiziergemeinschaft augenzwinkernd sich selbst zu überlassen. Wie „motiviert“ sie danach ist – eine Stunde später leisten die meisten im Orchestergraben der Staatsoper bei Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ bereits wieder Abenddienst –, hat die nun mit einer nicht geringeren Haydn-Spezialität veröffentlichte Platte aus jenen Tagen festgehalten:

Joseph Haydn: „Sinfonie Nr. 88 G-dur / Nr. 92 G-dur“; Wiener Philharmoniker, Dirigent: Leonard Bernstein; DG 413 777–2 (1/4).