Meine erste Erinnerung an die Eisenbahn ist, daß, sobald der Personenzug sich für die 24-Kilometer-Strecke in Bewegung gesetzt hatte, die Butterbemmen ausgepackt wurden. Die andere Erinnerung sind die gewaltigen Räder einer D-Zug-Lokomotive, viel größer, als ich war, und der Lok-Führer im halb verrußten Drillichanzug ("Das ist ein Beamter", sagte mein Vater); ich hatte Angst, daß er sich beim Ölen seiner zischenden, heißen Maschine verbrennt. Die dritte Erinnerung ist der Leipziger Bahnhof; er war jahrelang mein einziges, unübertreffliches Weltwunder, ein Raum so groß, daß er mir selbst dann noch, als ich ihn zum erstenmal sah, unvorstellbar schien. Die alten Empfindungen waren auf Anhieb wieder lebendig, als ich ihn auf diesen Bildern wiedersah, in dem Band "Bahnhöfe", photographiert von Manfred Hamm. Man begegnet darin bekannten Hallen, "halb Fabrik, halb Palast", betrachtet sie diesmal aber, ohne Koffer in der Hand, viel genauer als sonst. Man sieht andere Bahnhöfe und verschmerzt das Versäumnis, sie nie gesehen zu haben, vor allem, weil sie aus oftmals überraschenden Perspektiven aufgenommen worden sind, mit treffsicherem Blick, präzise sowieso. Als ob sich das von selbst verstehe, sind unter dem Titel (mit wenigen Ausnahmen) nur lauter ästhetisch geadelte Exemplare des Historismus veisammelt: mit Marmor, Granit und Klinkern verbrämte Stahlbau-Kunstwerke von oft außerordentlicher Eleganz. Man erliegt bald visueller Genußsucht und schiebt allzu rasch den Einwand beiseite, daß der Blick zurück in die goldenen Zeiten des Eisenbahnverkehrs wenigstens die Statione Termini in Rom oder den Florentiner Bahnhof hätte streifen sollen – auch wenn die ausgewählten Beispiele eine ansehnliche europäische Runde bilden und das Entzücken Theodor Fontanes verständlich machen: "Der Zug hält unter einem säulentragenden Dach, das zu größerer Festigkeit nicht dicke, schwerfällige Balken, sondern in Strahlen auslaufende Eisenstäbe aufzuweisen hat, die dem Ganzen etwas Leichtes, Schwebendes geben." Manchmal hilft das lügnerische Teleobjektiv dabei, die filigrane Reihung unendlich vieler gleicher Pfeiler und Sparren zu betonen, also den Widerstreit der industrialisierten Zukunft mit den Baustilen der Vergangenheit. So sind diese schönen, merkwürdig stimmungsreichen Bilder nicht mit ein paar sehnsuchtsvollen Blicken abgetan: Ihre Botschaft steckt nicht selten in den Details. Rolf Steinberg hat zu diesem Buch die Einleitung geschrieben, eine journalistische Allround-Mischung aus Bericht und Anekdote, Zahlen und Zitaten, Geschichte, Architektur und Verkehr, eine Art von Warmmacher. Beinahe wichtiger sind die ganz hinten vereinten Bildlegenden von Axel Fönl, lauter kleine monographische Miniaturen von äußerster Prägnanz. Sie behandeln jeden der 39 europäischen Bahnhöfe (Nicolai’scne Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1984; 142 S., 103 Abb., 68 DM).

Manfred Sack