Von Michael Naura

„Swing wird es immer geben.“

(Fats Waller 1904-1943)

Mama, häng’ die Wäsche weg, die Musikanten kommen!“ Nicht vor Kirchenmusikern wurde gewarnt, nicht vor Militärkapellen, sondern vor jenen Instrumentalisten, die dafür sorgten, daß die Menschen zu tanzen anfingen. Von jeher wurden Tanzmusiker auf eine Ebene gestellt mit Bärenführern, Wegelagerern, Eierdieben und anderen anrüchigen Existenzen. Vom Dudelsack-Spieler in den türkisfarbenen Hosen aus Pieter Bruegels „Hochzeitstanz im Freien“ bis hin zu Benny Goodman im Frack haben wir es mit einer subtilen Geringschätzung jener Tänzer und Musiker zu tun, die sich außerhalb der edlen Welt des Balletts befinden. Ehrenwert ist es zu sagen: heut’ geh’ ich in die Oper – anrüchig klingt die Ankündigung: heut’ geh’ ich tanzen.

Heinrich Wittenweiler, ein süddeutscher Dichter aus dem 15. Jahrhundert, beschreibt eine Bauernhochzeit: „Man sprang, jauchzte, tobte, fiel hin, zerbrach den Spiegel der Frauen, zankte sich und warf sich erschöpft in das Gras, den Spielmann scheltend, daß er zu rasch spiele. Die Musik war ein Pfeifer Gunterfay, der oft aufgefordert wird, bald nach alter Art, bald nach neuer Art aufzuspielen. Sein Lohn war ein Ei und wieder drei von jedem, der ein Stück bestellt. Betrunken war er, und die Gäste nicht leer.“ Da haben wir es wieder: Der Tanzmusiker ist besoffen, er muß spielen, was die Gäste möchten, und wird obendrein noch schäbig bezahlt. Zur Ehrenrettung der Tanzmusiker ist der deutsche Posaunist und Arrangeur Peter Herbolzheimer mit drei Langspielplatten angetreten:

„Music For Swinging Dancers“, Vol. 1 bis 3; Teldec 6.25643 AP, 6.25867 AP, 6.25868 AP.

Herbolzheimer ist Jazzmusiker. Er ist zwar kein Innovator, der Geschichte macht, aber doch ein Handwerker allerhöchster Qualität, der so selbstverständlich swingt, wie er atmet. Und er hat ständig ein Ohr am Boden, um die neuesten Entwicklungen heranrauschen zu hören. Mit seinen drei Tanzplatten lauscht er allerdings auf die schwachen Signale, die aus der Vergangenheit kommen. Er gibt sie verstärkt wieder, und wir erleben die Magie einer Ära, in der Musik noch von Hand gemacht wurde. Meist von Big-Bands mit vier Trompetern, vier Posaunisten, vier Saxophonisten, einem Pianisten, einem Bassisten und einem Schlagzeuger. Einige rührende Mikrophone verstärkten die Solisten. Es gab noch keinen Lautsprecher-Terror, keine Sound-Systeme in der Art von Instrumental Racks bestehend aus PQ3 Vorverstärker/Parameter icEQ – H/H-V150 MosFet-Endstufe 150W/4 Ohm, Equalizer, Compressor, Mixer, Hall, Delays, Total Harmonie Distortion.