Heimat“ heißt die Faszination, die Parole dieser Tage, im Bann von gleich sechzehn Sternstunden des Fernsehens. Aber was eigentlich ist das – Heimat? Vielleicht muß man sagen: das Verlorene. Heimat stellt eine Entdeckung der Romantik an der Schwelle des modernen Zeitalters dar, im Angesicht der Revolution von Freiheit, Gleichheit und Industrie. Bei Alexis de Tocqueville heißt es in der Einleitung zu seiner „Demokratie in Amerika“, 1835: „Das vorliegende Buch ist völlig unter dem Eindruck einer Art religiösen Schauders geschrieben, den der Anblick dieser, unwiderstehlichen Revolution im Herzen des Verfassers hervorgerufen hat, dieser Revolution, die seit Jahrhunderten über alle Hindernisse hinweg ihren Weg fortsetzt und die wir heute inmitten der Trümmer, die sie schuf, immer noch weiter vorrücken sehen.“

Ein anderer Franzose, der, aus seiner Heimat vertrieben, zum deutschen Dichter wurde, Adalbert von Chamisso, hat das Verlorene beschworen:

„Ich träum’ als Kind mich zurücke

Und schüttle mein greises Haupt;

Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,

Die lang ich vergessen geglaubt?“

In der älteren, um nicht zu sagen unvordenklichen Ordnung stellt „Heimat“ dagegen einen nüchternen Rechtsbegriff dar: Recht auf Aufenthalt, Ehrbarkeit, Schutz, Grunderwerb, Arbeit oder Armenpflege am Ort der Geburt. Mit der modernen Entwicklung, mit der Durchsetzung von Rechtsgleichheit, Freizügigkeit, Gewerbefreiheit verliert die Ortsbindung ihre Bedeutung; die Funktionen des Rechts spannen und straffen sich zwischen dem Staat und jedem einzelnen, dem Prinzip nach mobilen Bürger. Das Zeitalter der Eisenbahnen und des Dampfschiffs aber macht das Prinzip zur Praxis. Es beginnen die großen Wanderungsbewegungen vom Dorf in die Stadt, von Ost nach West, nach Berlin, ins Ruhrgebiet, nach Amerika: Aufbruch unter dem Zeichen der Hoffnung aufs Bessere, auf Freiheit und Weite. Klug beginnt unser Heimat-Film mit dem Fernweh.