Tendenzen und Perspektiven der deutschen Literatur von Ausländern

Von Lutz Tantow

Es gibt in der gegenwärtigen bundesrepublikanischen Literatur wohl kein Genre, das so starken Veränderungen unterliegt wie die sogenannte Gastarbeiterliteratur. Obgleich die belletristischen Publikationen zum Thema „Ausländer in Deutschland“ schon unüberschaubar sind, hat sich diese Dichtung beim Publikum noch nicht so recht durchsetzen können. Das hat sicher auch verlagspolitische Gründe, doch die Tatsache, daß sich die Gastarbeiterliteratur ständig weiterentwickelt, trägt auch dazu bei.

Um diesem nicht geringen Anteil an deutscher Gegenwartsliteratur gerecht zu werden, müssen die Tendenzen und Perspektiven, die an den Büchern deutschschreibenden Ausländer ablesbar sind, registriert werden (vgl. die erste Bestandsaufnahme, ZEIT vom 6. April 1984).

Kulturämter (wie das der Stadt Bochum) veranstalten Lesereihen mit Gestarbeiter-Schriftstellern; in Frankfurt fand – rechtzeitig zur Europawahl – das „1. Europäische Theaterfestival der Arbeitsemigranten“ statt; Rundfunkanstalten (wie etwa der WDR) senden häufiger Porträts von ausländischen Kulturschaffenden als das früher der Fall war. Auch an den Universitäten tut sich viel: Das Münchener Institut für Deutsch als Fremdsprache setzt seine Förderarbeit fort und bringt zur Buchmesse eine neue Anthologie heraus („Türken deutscher Sprache“, bei dtv). Das entsprechende Institut in Aachen veranstaltet im Dezember ein Symposium.

Interessanter ist der Blick auf Verlage, Autoren, Bücher. Im Kreis der Herausgeber der bei der Bremer edition CON erschienenen Reihe „Südwind gastarbeiterdeutsch“ hat es schon früh Differenzen gegeben, die zur Spaltung führten; nach Erscheinen des vielversprechenden vierten Bandes, „Zwischen zwei Giganten“, kam es dann zum Bruch mit dem Verlag. So konnte eine Anthologie mit Texten ausländischer Frauen zu ihrer Situation in der Bundesrepublik nicht mehr erscheinen.

Um diese Thematik bemüht sich jetzt vor allem der Hamburger Buntbuch-Verlag; dort erscheint eine Textsammlung von Frauen, die mit Ausländern verheiratet oder befreundet sind, und die Bücher der ersten in Deutschland schreibenden türkischen Feministin Aysel Özakin. Von ihr erschien zuletzt der Roman über ihre Lesereise durch die Bundesrepublik, „Die Leidenschaft der Anderen“. Daß jemand gegen das orientalische Patriarchat schreibt und somit versucht, auf die doppelte Diskriminierung – als Frau in der Fremde – hinzuweisen, ist gut, doch machen zahlreiche Vorurteile und Pauschalierungen mir diesen Text als allzu einseitig argumentierend verdächtig.