München

Die Szene sollte Folgen haben: Richard Süßmeier, 54 Jahre alt, ein stiernackiger, schlitzohriger, listiger Bayer, der auch in der Körpergröße seinem Ebenbild Napoleon sehr ähnelt, schlüpfte wieder mal in eine neue Maske. Ein falscher Bart, ein Mittelscheitel, ein grimmiges Gesicht – schon sah der Wirt des Armbrustschützen-Zeltes beim Münchner Oktoberfest ein bißchen so aus wie der derzeit unter Münchens Wirten meistgefürchtete Mann: Peter Gauweiler, der es sich als Chef des Kreisverwaltungsreferats seit dem blamablen „Donisl“-Skandal zum Ziel gesetzt hat, in der Gastronomie aufzuräumen. „Gauweiler is watching you“ („Gauweiler beobachtet dich“) enthüllte Süßmeier in Gauweiler-Maske als riesengroße Warnung unter drei überdimensionalen Gauweiler-Porträts – und alle lachten.

Doch was der Wirt da vier Tage vor dem Oktoberfest als Gaudi einem handverlesenen Publikum präsentierte, wurde für ihn inzwischen bierernste Wirklichkeit. Just ihn, den Sprecher der Wies’n-Wirte, hatten Gauweilers Kontrolleure nicht nur beim traditionell schlechten Einschenken ertappt. Die Gewerbeaufsicht ortete in Süßmeiers Wies’n-Küche auch 23 illegal beschäftigte Jugoslawen, die ohne Gesundheitszeugnis Geschirr spülten, Knödel formten und salzten. Was es noch nie gab in der 174jährigen Geschichte des Oktoberfestes, trat ein: Einem Wirt, Süßmeier, wurde während der angeblich größten Gaudi der Welt die Konzession entzogen. Süßmeier, in dessen Kleiderschrank auch eine Napoleon-Uniform hängt, erlebte sein Waterloo.

Warum ausgerechnet er aus seinem 6000 Plätze fassenden Festzelt nach 26 Jahren Wies’n so schimpflich verjagt wurde, kann niemand richtig nachvollziehen. Gauweiler jedenfalls weist die Vermutung weit von sich, zwischen Parodie und Polizeiaktion gebe es einen Zusammenhang. Zwischen Parodie und Wirklichkeit besteht er schon. Schlechtes Einschenken auf der Wies’n, so ließ Bayerns Justizminister August Lang schon eine Woche vor dem Anzapfen ins Gedächtnis rufen, könne bis zu einer halben Million Mark Strafe nach sich ziehen. Wäre so schon früher verfahren worden, die bayerische Staatskasse wäre alljährlich zum Oktoberfest übergequollen. „A Wies’n-Maß war no nia koa Liter net“, bekannte Süßmeiers souverän zapfender Schankkellner „Biwi“ Wallner nämlich schon vor einem Jahrzehnt. Er hielt sich wohl daran: Ein Rundfunkreporter beobachtete ihn vor zwei Jahren, als er aus einem 200-Liter-Faß 289 Maß zapfte – ein Kunststück, das Süßmeier nicht wahrhaben wollte. Das Faß sei sicher größer gewesen, meinte er – doch das ließ sich später nicht mehr nachprüfen.

Ohnehin ist Süßmeiers „Biwi“ ein Künstler. Kurz nachdem sein Meister jetzt bei der Wies’n-Vorprobe Gauweiler aufs Korn genommen hatte, zeigt er – natürlich im Spaß – ein neues Werk: Er zerlegte ein ganzes Brathendl so geschickt in drei halbe Hühner, daß seine Zuschauer beinahe an ein biblisches Wunder glaubten. So einfach ließen sich die Beamten der von Gauweiler ausgesandten „Bier-Polizei“ ein paar Tage später freilich nicht abspeisen. Sie beobachteten, daß bei Süßmeier aus einem 152-Liter-Faß satte 198 Maß gezapft wurden und verhängten ein Bußgeld von 4000 Mark. Der Wirt dagegen sagt, an der Schenke seien zu dieser Zeit auch 40 Radlermaß gezapft worden, also eine Mischung von Bier und Limonade.

Hätte er stillschweigend gezahlt, wäre der große Skandal womöglich ausgeblieben. Doch Süßmeier, um seinen bisher unbestrittenen Ruf als anständiger Wirt besorgt, legte Einspruch bei Gericht ein. Der war noch gar nicht entschieden, da kam der Knall: Am Montagabend der vergangenen Woche – die Münchner Prominenz schoß eben im Schießstand beim Zelt auf den Adler – stand Polizei in der Küche. 19 illegal beschäftigte Jugoslawen wurden festgenommen, vier weitere konnten flüchten.

Daß sich wenige Minuten später angeblich die Spülküchen fast aller Wies’n-Zelte blitzartig leerten und sich schmutziges Geschirr zu Bergen stapelte, ist wohl eher ein böses Gerücht. Wahr ist indes, daß sich Wies’n- und auch andere Wirte seit Jahren vergeblich bemüht haben, einheimisches Personal für die schmierige Arbeit an den Spülmaschinen zu finden. Weil dies auch die Behörden wissen, rätseln die Münchner schon darüber, warum es ausgerechnet den Süßmeier Richard erwischte.