Vielleicht kennt Alfons Streibel einen wichtigen Grundsatz der Betriebswirtschaft für Warenwiederverkäufer nicht. Möglicherweise will er auch gar nicht wissen, daß eine umfassende Lagerhaltung extrem kostenintensiv und damit gewinnmindernd ist. „Nein“, sagt Alfons Streibel, „betriebswirtschaftlich optimal ist mein Laden wohl nicht.“ Und er schmunzelt, wenn er seine Geschäftsmaxime erklärt, alle lieferbaren Taschenbuchtitel vorrätig zu halten. Jeden Monat werden immerhin etwa 500 auf den Markt geworfen.

So ein Geschäft wie das im Bornwiesenweg 53 gibt es in ganz Frankfurt nicht mehr, wahrscheinlich nicht einmal in der Bundesrepublik. Als ein Kuriosum, ein Original, als einen Ignoranten jeglichen Rentabililätsdenkens werden jene den Buchhändler Streibel bezeichnen, die verkaufsfreundliche Regale in anderen Buchhandlungen kennen, wo das Sortiment nach Sachgebieten – von Archäologie bis Zeitgeist – geordnet ist, und wo die alphabetische Reihenfolge der Autorennamen für Übersicht in den Sachgebieten sorgt – von Ceram bis Zwerenz.

Alfons Streibels Ordnung dagegen geht nicht in die Breite, sondern – 30 Quadratmeter groß ist der Verkaufsraum – in die Höhe, ohne Rücksicht auf Sachgebiete oder Schreiber. Tausende von Taschenbüchern aller Verlage wachsen aufeinandergestapelt der Decke entgegen; meterhohe Büchertürme, die sich, in mehreren Reihen hintereinander, gegenseitig stützen und manchmal auch wie Kartenhäuser zusammenfallen. Zwischen den Buchbarrikaden führen 50 Zentimeter breite Maulwurfgänge Bücherwürmer zu Geist, Genius und Schmonzes, denn, so sagt Streibel, „ich scheue mich nicht, auch Schmöker zu verkaufen“. Und wenn Konsalik oder Simmel, Böll oder Lenz sich irgendwo im Stapelchaos zuunterst verstecken? Dann baut Streibel seine Türme Buch für Buch ab und wieder auf, souverän die Betriebsweisheit mißachtend, daß die Umsatzgeschwindigkeit für die Ware Buch eine Konstante des Einkommens ist.

Aber jetzt, nach dem ersten Urlaub seit 15 Jahren, wird der Ex-Soldat des Schlachtgeschwaders 103 mehr Ordnung in den Turmbau vom Bornwiesenweg 53 bringen. Und alle Taschenbuchtitel werden auch nicht mehr geordert. Nur noch eine gezielte Auswahl. Die meterlange Hoch-Stapelei jedoch, die wird Alfons Streibel beibehalten. Damit bleibt Frankfurt ein liebenswertes Kuriosum erhalten. Rainer Schauer