Von Klaus Viedebantt

Ihre Hände flattern kurz und energiegeladen auf, sinken aber sofort wieder im Schoß zusammen. Edith Glienke, Bäuerin und Gastwirtin auf der Hallig Nordstrandischmoor, resigniert. Sie weiß nicht, ob sich all die Mühsal noch lohnt, ob der Sohn den Hof übernimmt, ob Enkel Lars, der zu ihren Füßen spielt, weiterhin groß wird auf dem kleinen amphibischen Flecken im Wattenmeer, den sie Heimat nennen.

Seit zwei Monaten nimmt ihr die Meierei die Sahne nicht mehr ab, obwohl sie dringend Sahne braucht. Aber die EG-Quoten sind ausgeschöpft für Glienkes Kühe. Das haben die Herren in Brüssel so beschlossen, das ist nun Gesetz. Jetzt sollen Touristen Glienkes Butter päckchenweise forttragen, für sechs Mark je Pfund – auch kein Preis, der den Butterberg auf der Hallig schmelzen läßt.

Wie das mit dem Tourismus ist, weiß ja auch keiner so recht. Die Tagesausflügler, die bei Sonnenschein zu Tausenden über die Eilande herfallen, sind jetzt schon ein zu großes Übel. Aber die Pensionsgäste, die erwünschten Übernachter, drohen fortzubleiben, wenn das Wattenmeer zum Nationalpark wird, wenn die Seehundbänke tabu sind und Wattwanderungen verboten werden. All das fürchten sie im Watt, auch wenn die Landesregierung in Kiel in ihrem Nationalparkkonzept die derzeitigen Rechte der Bewohner weitgehend unangetastet lassen will. Aber das glaubt hier keiner, und das Mißtrauen scheint berechtigt.

Einzigartige Naturszenerie

Die Menschen im Watt – jahrhundertelang an den nimmer endenden Kampf mit dem „blanken Hans“ gewöhnt und vom Wechsel zwischen Ebbe und Flut geprägt – sehen sich auf einmal in ein ungewohntes Kräfteparallelogramm gespannt. Naturschutz und Politik, Tourismus und Küstenschutz heißen seine Eckpunkte. Der absolute Vorrang des Küstenschutzes soll jetzt, ausgerechnet zum Erinnerungstag an die „Große Mandränke“, seine Priorität verlieren. Am 11. Oktober 1634 hatte die Nordsee in einer gewaltigen Sturmflut die Westküste Schleswig-Holsteins zerschlagen und über 2000 Menschen ertränkt. Seither hieß es stets, Küste und Menschenleben müßten um jeden Preis geschützt werden.