Von René Drommert

Apollinaris, natürlich, das weiß man: das trinkt man. Aber nicht viele der weit über 200 deutschen Teilnehmer der Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer hatten schon vorher gewußt, daß Apollinaris zum Beispiel auch ein Heiliger war, ein Begleiter des Apostels Petrus. In Ravenna hatte man schließlich den anschaulichen (und vielleicht doch noch trügerischen?) Beweis: Dort, in Hafennähe, steht die Kirche „Sant’ Apollinare in Gasse“, dort werden die Gebeine des heiligen Apollinaris verehrt.

Man war nicht gleich in Ravenna, Start in Genua. Dann ging es Kurs Civitavecchia mit dem 60 Kilometer entfernten „Anhängsel“ Rom, weiter nach Sizilien mit Palermo und Monreale, dann zu Marmarameer und Bosporus mit Istanbul, dann nach Griechenland mit Athen, Mistra und Githyon, schließlich nach Split. Die Reise endete in Venedig. Jede Stadt“, wurde unterwegs zitiert, „stirbt, Venedig blüht.“ Wenn es nicht allmählich ertrinkt...

Das Unternehmen hatte einen stolzen Namen: „Reiseakademie“, und war vor ein paar Jahren von „Tigges-Fahrten“ ins Leben gerufen. Jetzt war es die dritte Reise der Akademie, die trotz der werbeträchtigen und elitebetonten Bezeichnung jedem zahlenden Passagier offensteht. Die dritte hatte eine Devise, ein Thema: „Westrom – Ostrom“. Das war keine Fachidiotie, nicht als ein trockenes Kapitel europäischer Geschichte gemeint. Man wollte nicht weniger als dies: „Die Grundlagen unserer Welt begreiflich machen, das Heute durch das Licht von gestern konturieren.“ Elf Dozenten von Rang, engagierte Provokateure der Vorstellungskraft der Zuhörer eher als konventionelle Referenten, führten während der Kreuzfahrt (Tempo der Redner zuweilen Galopp bis ventre-ä-terre) in Vorträgen und Diskussionen durch ein paar Jahrtausende europäischer Geschichte, die Historie Vorderasiens oder Nordafrikas gelegentlich „inklusive“.

Zwei Wochen lang auf einem gecharterten Schiff, auf der „Belorussija“, zu deutsch „Weißrußland“. Sie ist ein in Finnland, in Turku, vortrefflich gebautes, 16 600 BRT großes, 157 Meter langes Reisedomizil unter sowjetischer Flagge, ausgerüstet mit Stabilisatoren und beheimatet im Schwarzmeerhafen Odessa. Dementsprechend war die (übrigens akkurat-höfliche) Mannschaft durchweg südukrainisch.

Der an Bord von der Akademie gepflegte Umgangstil war akademisch-leger. Das heißt: Vermittlung von Wissen bildete die Dominante, auf gesellschaftliche Förmlichkeiten wurde mäßig Wert gelegt, in den Restaurants sah man keine langen Abendkleider, keinen Smoking, geschweige denn einen Frack.

Ging man an Land, dann standen jeweils sechs bequeme Busse startbereit, mit denen die Teilnehmer zu Basiliken, Kirchen, Moscheen, Museen, Stadtbefestigungen, Amphitheatern, Ruinen, Basaren, Häfen und Landschaften fuhren. Dann ging oft, ganz natürlich, das Kraxeln los, zum Beispiel in Athen hinauf zur Akropolis, die sich bekanntlich in einem mitleiderregenden Zustand befindet, am Hang von Mistra, wo eine byzantinische Kreuzkuppelkirche steht.