Übermütig

„A Hard Day’s Night“ von Richard Lester, vor zwanzig Jahren gedreht und damals als „Yeah! Yeah! Yeah!“ in den Kinos, war der erste Film mit den Beatles. Der Originaltitel deutet an, worum es zu gehen scheint; um eine impressionistisch angelegte kinematographische Chronik eines „typischen“ Arbeitstags der Sänger (die Beatles auf der Flucht vor Fans, unter sich, bei Proben, im Fernsehstudio, bei Auftritten). Doch „A Hard Day’s Night“ ist vieles zugleich: Reportage und Rockfilm (mit 12 Songs), Komödie, parodistische Selbstdarstellung und surrealer Slapstick. Als „den ,Citizen Kane’ der Musikautomatenfilme“ charakterisierte ihn der amerikanische Kritiker Andrew Sarris 1964. Denn hier kam das Gegensätzliche auf frappierende Weise zusammen: das Absurde, das Dokumentarische und das Lyrische; Anspielungen auf alte Filme und ‚nouvelle vague’; realistische Situationen und studierte Spontaneität. Und gerade diese Kompilation so verschiedener Stil-Elemente ermöglichte es Lester, in seinem dritten Spielfilm seinen eigenen, unverwechselbaren Stil zu finden – das zu Erzählende gleichzeitig auch zu analysieren. Und so ist dies: ein ausgelassener, übermütiger Blick auf die Folgen des Erfolgs, wo die Beatles als Liverpooler Cousins der Marx Brothers erscheinen; ein kritischer Essay über Beatlemania und Medien-Manipulation; und filmische Apotheose des Mythos der „Fab Four“. Helmut W. Banz

Pyroman

„Feuerteufel“ von Mark L. Lester. Ein kleines Mädchen (Drew Barrymore) kann durch die Kraft seiner Gedanken alles in Flammen setzen – eine Fähigkeit, die ihm von Daddy (David Keith) vererbt wurde, der sich vor zehn Jahren als Student Drogen-Experimenten beim CIA unterzog und daraufhin hypnotische Kräfte entwickelte. „Firestarter“ ist das jüngste Beispiel der Stephen-King-Verfilmungen (acht in neun Jahren, sechs weitere sind in Vorbereitung). Eines, das alte Muster nur rekapituliert. Doch wo bei „Carrie“, der ersten King-Verfilmung von Brian De Palma, die tele- und pyrokinetischen Kräfte subversiv assoziiert wurden zum Trauma erwachender Sexualität, gibt es hier nur ein kleines Gör, das Feuerkugeln schießt. Da die „Macht“ so eindeutig auf seiten der „Guten“ liegt, stellen die „Bösen“ keine wirkliche Bedrohung dar. Ergebnis ist: Eine Folge von Hinhalte-Episoden bis zum großen Feuer-Finale, an dem allenfalls latente Pyromanen unter dem Publikum ihre helle Freude haben werden. Was die Logik der Story, die Qualität der Inszenierung und die Leistungen der Darsteller – Martin Sheen und George C. Scott (mit Pferdeschwanz!) als Fieslinge vom CIA; Art Carney und Louise Fletcher in Mini-Auftritten – anbetrifft, ist „Firestarter“ das kinematographische Äquivalent eines nassen Streichholzes.

Helmut W. Banz

Exotisch

„Der große Bruder“ von Francis Girod. Einer, der sich schuldig gemacht hat, bleibt immer ein Gehetzter: Da hilft der Rückzug ins tiefe Afrika nicht und auch nicht die Fürsorge und Liebe, die jenen gilt, die aus der Gesellschaft herausfallen. So jedenfalls will es Francis Girod („Trio Infernal“, „Die Bankiersfrau“), will es Sam Ross, nach dessen Roman „Ready for the Tiger“ Girods fünfter Spielfilm 1982 entstand. Nach einem Urwald-Intermezzo, das so photographiert ist, als würde auch der Mann, der meilenweit für eine bestimmte Zigarettensorte geht, dort zwischen den hellgrünen Schlingpflanzen auftauchen, spielt der Film in Marseille, wo Korruption und schnelle Schüsse an der Tagesordnung sind. Hierher zieht es Bernard Vigo (Gérard Depardieu), den Betrogenen aus Fremdenlegionszeiten, um zu rächen, was sein Kamerad Rossi (Jean Rochefort) ihm einst antat. Und ein zweites Mal soll er den Racheengel spielen, für den kleinen Ali (Hakim Ghanam), dessen Bruder durch Polizeischüsse ums Leben kam. Jedoch, die eigene Vergangenheit holt Bernard Vigo ein ... Episch breit erzählt Girod diese verzwickte Rachegeschichte, die zwar in unserem Jahrhzehnt spielt, aber oft wie aus dem 19. Jahrhundert anmutet. Eine Eifersuchtsszene freilich hätte es so damals vermutlich nicht gegeben: Dem vermeintlichen Nebenbuhler setzt Depardieu nicht nur verbal und mit übertriebener Drohgebärde zu, er bestreicht ihm – Gipfel der Unverschämtheit – auch noch die Krawatte mit Senf! Anne Frederiksen