Alle sind für Ronald Reagan. Aber wer zieht für den New Yorker Distrikt nach Washington?

Von Christoph Bertram

Queens, im Oktober

Der New Yorker Stadtteil Queens liegt nur einige U-Bahn-Stationen entfernt – und scheint doch in einer anderen Welt angesiedelt zu sein als das hektische, hastige, hupende, hedonistische Manhattan. Jenseits des East River, an der Spitze von Long Island, breitet sich Queens wie ein weiter Teppich von Middle America aus: Zwei- bis dreistöckige Häuser säumen die Hauptstraßen, baumbestandene Alleen mit Reihenhäusern und sauberen Bürgersteigen zweigen vom Queens Boulevard ab, Hundebesitzer werden durch Schilder angehalten, den Kot ihrer vierbeinigen Freunde mit der Schaufel aufzusammeln. Nur das Rumpeln der U-Bahn, die hier nicht unter der Erde, sondern auf den verschnörkelten Eisenstelzen der Gründerjahre in luftiger Höhe passiert, und der emsige Flugverkehr über den Lufthäfen Kennedy und La Guardia verraten die Nähe der Weltstadt – und die Spitzen der Wolkenkratzer, die in der Ferne zwischen den Häusergiebeln und Alleen hervorlugen.

In Queens liegt der 9. Wahlkreis des amerikanischen Kongresses, der zweiten Kammer des Parlaments. Es ist der Wahlkreis von Geraldine Ferraro, seit dem Juli Running Mate von Walter Mondale, des demokratischen Bewerbers um das Präsidentenamt. Als Frau Ferraro auf dem Parteitag der Demokraten in San Francisco dem begeisterten Parteivolk als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft präsentiert und damit über Nacht auf die Bühne der großen Politik katapultiert wurde, mußte sie ihren Wahlkreis aufgeben. Zwei Männer werben bei den Wählern um ihre Nachfolge: der Demokrat Tom Manton und der Konservative Serf Maltese. Am 6. November wird sich entscheiden, wer von beiden den Bezirk für die kommenden zwei Jahre – bis zur nächsten Wahl – in Washington vertritt.

Auf zwei Bühnen

Das Wahlkampfdrama in Amerika spielt auf zwei Bühnen. Oben, auf der großen nationalen Szene, kämpfen der Republikaner Ronald Reagan und George Bush gegen die Demokraten Walter Mondale und Geraldine Ferraro darum, wer als Präsident und Vizepräsident ins Weiße Haus einziehen soll. Unten, auf der kleinen Bühne der lokalen Wahlkreise, bewerben sich Hunderte um einen Sitz im Senat und im Kongreß: 33 Senatoren sind im November neu zu wählen und 435 Kongreßabgeordnete.