Von Rob Kieffer

Monsieur le Maire hat seine Bürgermeisterschärpe im Schrank gelassen und einen blauen Mechaniker-Overall übergezogen. Höchstpersönlich .steuert Emile Jost, Gemeindevorsteher des in Moselnähe gelegenen Dorfes Veckring bei Thionville, die elektrische Schmalspurbahn durch finster-feuchte Gänge. Auf den käfigähnlichen Waggons frösteln die Besucher leicht im kühlen Fahrtwind. Eine Geisterbahn könnte nicht einladender sein.

Die unterirdischen Tunnels, bis zu 96 Meter tief ins lothringischedErdreich gewühlt, verbinden die Blockhäuser des Haie kenbergs, des imposantesten der rund 21 ehemaligen Hauptwerke der Maginot-Linie. Der Befestigungsgürtel war in den vierziger Jahren an der Ostgrenze Frankreichs angelegt worden und sollte den deutschen Truppen mögliche Invasionsgelüste austreiben.

Gemeindesekretär Jean Bellot – wie sein Bürgermeister Mitglied einer privaten Vereinigung von Freunden der Mag inot-Linie – kommentiert die Visite. Mit einstudierten Kalauern ("Die Herren kommen wegen der Kanonen, die Kinder wegen des kleinen Zuges ... aber die Damen wegen mir") löst er allgemeine Hleiterkeit aus bei der Besuchergruppe, betagte Gerschichtsfreunde aus dem Elsaß. Und als der fidele Guide im Munitionsdepot erklärt, daß alle Artilleriegeschütze dieses militärarchitektonischen Undings vier Tonnen Munition pro Minute durch die Kanonen- und Flakrohre jagen konnten, dann aber augenzwinkernd eine Bierflasche aus einem Regal hervorzaubert und witzelt, heute würde man ja eher solche "Kaliber" benutzen, da schlagen sich die kichernden Elsässer vor lauter Ausgelassenheit fast auf die Schenkel.

Derart Komödienreifes nimmt der fast dreistündigen Führung durch das "Maginot-Monster" (Jean Bellot: "Nicht ich bin "das Monster – so nannte man die Festung") ein wenig vom Unbehagen, das die düsteren, endlosen Galerien und der mit Waffen vollgepfropfte Ausstellungsraum auslösen. Unbehagen beim Gedanken an die Massaker des Zweiten Weltkrieges, obwohl die Maginot-Linie selbst wenige Todesopfer ford erte, da sie ja nie einen ernsthaften Angriff abwehrenn mußte. Unbehagen vor allem, wenn man sich dem Rüstungswannsinn vor Augen führt, der auch schon damals Milliarden Franc und Mark beiderseits der Grenze in Schießpulver auflöste.

Kriegsminister André Maginot brauchte nicht viel Überredungskunst, als er 1930 den französischen Senat dazu bewegte, die enormen Kredite zum Bau des gigantischen, nach dem Minister benannten Abwehrstreifens zu bewilligen. Hatten doch die Franzosen während des Ersten Weltkrieges unliebsame Erfahrungen mit den Nachbarn jenseits der Mosel gemacht. Und wollte man nun – koste es was es wolle – das lothringische Industrierevier ein für allemal vor etwaigen Überfällen von deutschem Boden aus schützen.

Die Bauarbeiten dauerten von 1930 bis etwa 1935. Die Erde längs der Grenze, von Longwy in Lothringen bis zum elsässischen Rheimufer, war bald durchlöchert wie ein Schweizer Käse. An strategisch wichtigen Punkten versenkte man ganze Festungen in den Boden, sogenannte "Ouvrages". Durch unterirdische Tunnels waren sie mit oberirdischen Bollwerken verbunden, in denen die schweren Geschütze ruhten, die den Angreifer auf Distanz halten sollten.