Da ist es also wieder, das Tugend-Terror-Beiwort"unanständig". Zwar bleibt verbal weiterhin so ziemlich alles erlaubt, fäkalsprachlich und so (Würg). Aber aus dem grünen Humus sprießen Verhaltensmaßregeln, die den Freiheitsdrang der Turnschuhgeneration, der Frischwärts-Surfer und der 68er-Maulhelden kräftig beschneiden (Schluck): "Es ist durchaus unanständig, gegen Kernkraftwerke zu sein, Aufkleber ,Atomkraft – nein danke‘ und ‚Ich bin Energiesparer‘ auf dem Wagen zu tragen, aber auf der Autobahn 150 km/h zu fahren." Über die neue Etikette schreibt, schnoddrig im Ton, aber hart in der Sache,

Rainer Grießhammer: "Der Öko-Knigge"; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1984; 288 Seiten, 20,– DM.

Das Prinzip hat "mein Freund Knigge" schon 1790 erkannt: "Man muß die Gemütsarten der Menschen studieren, insofern man im Umgange mit ihnen auf sie wirken will." Das gibt Grießhammer, einem in Freiburg lebenden studierten Chemiker, die Gelegenheit, gleich auf Distanz zu gehen – zur Industrie (logo), aber auch ganz unsolidarisch "zu ein paar Müsli-Freaks", deren Tagesablauf böse endet (Staun): "Tief in der Nacht werden dann noch auf Umweltschutzpapier die ökologischen Ermahnungen moralinsauer zusammengefaßt, mit dem schweren Vorwurf im Unterton, daß niemand mitmacht." Was bleibt angesichts der "ökologischen Überväter", ist "nur ein schlechtes Gewissen und die pubertäre Auflehnung".

"Angewidert von der unanständigen Verachtung der Natur und genervt von unerfüllbaren Fundamentalvorstellungen, wollen wir "neue Wege finden", umreißt Grießhammer seine Strategie. "Wir wollen uns umweltbewußt verhalten, aber auch noch Spaß daran haben."

Das scheint dem grünen Knigge-Nachfolger mit seinem Buch ganz gut gelungen zu sein. Ob er freilich trotz des weißen Papiers und des festen Umschlags jene Damen und Herren Umweltsünder erreicht, die ansonsten mit dem Ur-Knigge unterm Arm herumlaufen? Der Titel-Cartoon von Franziska Becker – der Held in lila Latzhosen – wird die Nadelgestreiften und Dauergewellten schon auf Distanz halten.

Das wäre schade. Denn sie würden sich einen Lesespaß und viele vernünftige Vorschläge entgehen lassen, auch wenn Freiherr von Knigge gelegentlich die Brauen hochzöge: "Manche Leute haben schon vergessen, daß Pinkeln und Scheißen natürliche Körperfunktionen sind (ich traue mich ja kaum, in so einem seriösen Buch diese Begriffe zu schreiben) ... Genauso natürlich ist, daß die Toilette sauber sein soll und muß. Wenn ich mir aber die

manche Leute die Toilette bekämpfen, beschleicht mich doch der Verdacht, daß hier mehr der eigene Ekel bekämpft werden soll als irgendwelche Bakterien oder Viren."