Die Deutschen werden immer fauler, sie interessieren sich nur noch für ihre Freizeit und Hobbys, die Arbeitsmoral geht ständig zurück – das sind nicht nur Stammtisch-Vorurteile und die Bestandteile vieler Reden auf gewissen Verbandstagen. Die Arbeitsmoral der Deutschen ist auch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen und demoskopischer Untersuchungen: Seit 1962 hat die Arbeitsunlust ständig zugenommen, behauptet beispielsweise die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann, Leiterin des Allensbacher Instituts. Sie verweist auf ihre seit den sechziger Jahren regelmäßig vorgenommenen Untersuchungen der deutschen Seele. Die Ergebnisse erscheinen in der Tat alarmierend und bedrückend zugleich. Auf die immer gleichen Fragen nach ihrer Einstellung zur Arbeit antworten die befragten Deutschen von Jahr zu Jahr unlustiger. Ein Vergleich der Daten legt die Schlußfolgerung zwingend nahe, daß die Arbeitsmoral ständig abnimmt, die alten Tugenden, denen Deutschland seinen Aufstieg als Industrienation verdankt, immer weniger gelten.

Aber ist diese Schlußfolgerung wirklich so zwingend, wie es auf den ersten Blick scheint? Ist es wirklich sinnvoll, über zwei Jahrzehnte hinweg immer wieder dieselben Fragen zu stellen? Kann man sicher sein, daß die Befragten die Frage auch heute noch genauso verstehen wie vor zwanzig Jahren? Oder haben sich die Arbeitswelt und die Wertvorstellungen der Menschen so gewandelt, daß die immer gleichen Fragen nur eine Kontinuität der Untersuchungen vortäuschen, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist? Bei einem Arbeiter, der mit Hacke und Schaufel Gräben aushebt, ist die Frage nach seinem Fleiß ebenso sinnvoll wie bei einer Näherin, die im Akkord Knöpfe annäht. Aber ist es sinnvoll, die gleiche Frage einem Angestellten im Leitstand eines Kraftwerkes, einem Piloten oder einer Facharbeiterin zu stellen, die hochkomplizierte Automaten und Roboter überwacht, Qualitätskontrollen durchführt und bei einem Störfall umsichtig handeln muß? Hier sind offenbar ganz andere Qualitäten gefragt als Emsigkeit.

Gerhard Schmidtchen, früher selbst wissenschaftlichen Mitarbeiter am Institut für Demoskopie in Allensbach und seit 1968 Professor für Sozialpsychologie und Soziologie an der Universität Zürich, ist diesen Problemen mit Hilfe von Untersuchungsmethoden und Fragestellungen nachgegangen, die die modernen Lebens- und Arbeitsbedingungen und die gewandelten Wertvorstellungen berücksichtigen. Er hat dabei neue Strukturen der Arbeitsmoral entdeckt, die anders – aber deshalb nicht unbedingt schlechter – sind als die der Väter und Großväter. In seinem in Kürze erscheinenden Buch „Neue Techniken, neue Arbeitsmoral“ kommt er sogar zu dem Ergebnis, daß eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ohne diese neue Arbeitsmoral gar nicht funktionieren könnte. Fleiß und Arbeitsmoral im herkömmlichen Sinn dagegen wären wirtschaftlich und politisch eher schädlich als nützlich.

Der deutsche Mythos der Arbeit gehört damit wirklich der Vergangenheit an. Denn in einer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft hat er nichts mehr zu suchen. Wer ihn restaurieren wollte, würde dabei die Werte zerstören, die für die moderne Gesellschaft lebensnotwendig sind. Kreativität, Fähigkeit zur Teamarbeit, Verantwortungsbewußtsein und Entscheidungsfähigkeit sind Tugenden, die heute gefragt sind, nicht Geschaftelhuberei, Emsigkeit und sture Disziplin.

Michael Jungblut