Gefragt ist nach der Bedeutung von Kindheit. Bedeutung für wen? Ich möchte mit dieser Ergänzung nicht nur an die Trivialität erinnern, daß Kindheit für Kinder anderes bedeutet als für Erwachsene, sondern betonen, daß sie vor allem in den Vorstellungen Erwachsener real ist – als Mixtur von Erinnerungen, Wünschen und Ängsten, die – je nach sozialer Lage und kulturellem Background – unterschiedlich gefärbt ist.

Anlaß dieses Forums ist die Resonanz der Vorstellung von Kindheit, die Neil Postman entwickelt hat. Sie konnte in kürzester Zeit einen beträchtlichen Teil der pädagogisch interessierten Öffentlichkeit in diesem Lande erreichen und betroffen machen, weil sie verbreitete Unsicherheiten und Ängste auf eine griffige Formel bringt und vor allem die kulturellen Vorlieben und Kompetenzen dieser Öffentlichkeit zur Kultur schlechthin erhebt.

Neil Postman hat bei seiner Konstruktion der Kindheit diese so eng an die Buch- und Schulkultur gekettet, daß deren Verwalter schließen müssen: Wir brauchen Kindheit. Wenn diese Kindheit schwindet, sind überkommene Machtpositionen und Privilegien dahin, Existenzen gefährdet. Aber mehr noch, diese Gefahren sind sogar vernachlässigenswert und können undiskutiert bleiben, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Zukunft der Kinder und die Humanität auf dem Spiel stehen.

Die (heilige) Allianz von Kindheit, Buch- und Schulkultur wirkt so überzeugend – besonders im Vergleich mit der (unheiligen) von Fernsehen, Computerspielen und Videogewalt –, daß so eine Banalität wie der tatsächliche Kinderalltag und die tatsächlichen Erfahrungen der Kinder darüber aus dem Blickfeld geraten und bedeutungslos werden müssen.

Die positive Besetzung des Kulturträgers Buch macht den Glauben an die Notwendigkeit dieser Allianz möglich, obwohl, und vielleicht auch, weil sie so elitär ist.

Jedenfalls ist „Literalität“ im Sinne Postmans für die meisten Menschen niemals erreichbar gewesen. Wenn es auch zutrifft, daß das Buch (neben der gesprochenen Sprache) nach der Erfindung des mechanischen Buchdrucks bis zur Durchsetzung der elektronischen Medien das dominierende Medium war, so bedeutet das doch nicht, daß es den Alltag der Menschen auch nur annähernd so bestimmt, wie das die heute dominierenden Medien tun.

Und obwohl das Buch die Form des Wissens und den Zugang zum Wissen revolutionierte, bestimmte die Buchkultur doch nie den Erziehungs- oder Schulalltag der Kinder.