Von Matthias Naß

Zwischen zwei mit Samt bezogenen Pappdeckeln besiegelten Großbritanniens Botschafter Sir Richard Evans und Chinas Vize-Außenminister Zhou Nan am vergangenen Mittwoch die Zukunft Hongkongs. In Pekings "Großer Halle des Volkes" setzten die beiden Verhandlungsführer ihre Paraphe unter den Vertragsentwurf über die Rückgabe der britischen Kronkolonie an die Volksrepublik China zum 1. Juli 1997. Die erzielte Einigung, strahlte Zhou Nan, sei ein "Anlaß zum Feiern", und prostete dem Botschafter Ihrer Majestät mit chinesischem Sekt zu. Der revanchierte sich mit artigen Komplimenten: Die von Peking ersonnene Formel "Ein Staat – zwei Systeme" trage jetzt praktische Früchte.

In London waren Politiker und Presse des Lobes voll über das Verhandlungsgeschick der britischen Diplomaten. Unter den gegebenen Umständen, so das allgemeine Urteil, sei für die Einwohner Hongkongs das Beste herausgeholt worden – mehr als ursprünglich habe erwartet werden können. Zwar wäre es falsch, kommentierte die Times‚ "das Abkommen als Sieg zu feiern"; genauso verkehrt wäre es jedoch, das Abkommen allzu sehr zu kritisieren. Denn Peking gebe darin "einige ungewöhnlich spezifische Versicherungen, wodurch die Aussichten auf Ordnung, Stabilität und Vertrauen in die Wirtschaft Hongkongs wenigstens für ein paar Jahre gewährleistet sind".

In New York bescheinigte sich Außenminister Geoffrey Howe einen "realistischen und soliden Erfolg". Die Alternative sei gewesen: dieses Abkommen oder gar keines. Ergänzungen oder Veränderungen, stellte Howe klar, werde es nicht geben. Die Regierung Thatcher kann sich der Unterstützung des Unterhauses allerdings sicher sein. Denn tatsächlich haben sich die Chinesen von den Briten überaus weitreichende Zugeständnisse abhandeln lassen.

Fünfzig Jahre soll Hongkong nach 1997 als "Sonderverwaltungszone" autonom bleiben. In vierzehn Punkten hat die chinesische Regierung detailliert aufgelistet, wie sie "Stabilität und Prosperität" in Hongkong wahren will. Die Zusagen, die sie darin macht, sind für ein kommunistisches Land wahrhaft revolutionär. Alle bürgerlichen Rechte werden garantiert: Rede- und Pressefreiheit, Freizügigkeit, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit, Streik- und Demonstrationsrecht, Glaubensfreiheit und eine unabhängige Justiz.

Hongkong wird seinen Status als Freihafen und internationales Finanzzentrum ebenso behalten wie seine konvertible Währung. Unter dem Namen "Hongkong, China" wird es mit anderen Staaten eigenständige wirtschaftliche, finanzielle, kulturelle und sportliche Beziehungen aufrechterhalten können. Lediglich in der Außen- und Verteidigungspolitik behält sich Peking ab 1997 das Sagen vor.

Warum dieser Großmut? Einmal hat de Volksrepublik ein ureigenes Interesse, daß Hongkongs wirtschaftliche Dynamik, von der sie bisher schon beträchtlich profitiert hat, nicht abrupt gestoppt wird. Ausländische und heimische Investoren sollen zum Bleiben ermuntert werden. Zum anderen soll Hongkong zum Modell für die Wiedervereinigung mit Taiwan werden. Nicht von ungefähr lobte Ministerpräsident Zhao Ziyang am Vorabend des 35. Gründungstages der Volksrepublik die Vereinbarung mit London als Beispiel für die friedliche Lösung von Problemen, "die die Geschichte hinterlassen hat".