Natürlich war aus dem Männerbild der fünfziger Jahre der Krieger noch nicht ganzverschwunden. Als jene Männer begannen, sich ein Wirtschaftswunder zu erfüllen, stand einer, schon fett, mit einem Kopf wie eine Birne, Stirnglatze, Hornbrille, mit großen Kuhaugen und einer viel zu hohen Stimme schmollend daneben und sagte trotzig seine Gedichtchen auf. Ihm schienen die dunken Wolken über der neuen Republik noch nicht verzogen. So sang er einfach flehend die Sonne an: „Schick uns nach den langen Qualen / deines Fehlens alle Strahlen – / und besonders diese netten, / diese ultravioletten!“ Das war nicht Ludwig, sondern Heinz Erhardt. Er spielte in einer Zeit der neuen Gewinner den ewigen Verlierer.

Ein Büchlein mit „Kohl-Witzen“, das gerade im Eichborn Verlag erschienen ist, zeigt auf der ersten Seite ein Schwarzweiß-Photo. Ein Mann streckt Kopf und Brust aus einem Panzer. Der Mann ist uniformiert. Er grinst wie ein Honigkuchenpferd und so, als habe man ihm eben den Panzer als Spielzeug geschenkt. Könnte sein, er fährt jeden Moment los. Ein Szenenphoto aus einem Film mit Heinz Erhardt? Das Photo zeigt den Bundeskanzler. Dabei hat Klaus Staeck in seiner Sammlung „Worte des Statthalters Kohl“ den Kanzler so zitiert: „Ich brauche nicht den Spuren irgendeines Kollegen zu folgen. Ich wandle immer in meinen eigenen, ganz und gar unverwechselbaren Spuren.“

„In einer Chartermaschine über dem Atlantik sind der Papst, Reagan, Kohl und ein Student. Die Maschine gerät in Schwierigkeiten, die Situation ist aussichtslos. An Bord sind aber nur vier Fallschirme. Der Pilot sagt, seine Firma brauche ihn dringend, und springt ab. Reagan bezeichnet sich als letzte Hoffnung des Westens und springt ab. Kohl erklärt, sein Volk könne auf ihn als Symbol des Aufschwungs nicht verzichten, und springt. Sagt der Papst zum Studenten: „Ich habe mit dem Leben abgeschlossen, mein Sohn, nimm du den letzten Schirm.“ Meint der: „Nicht nötig, eben ist das Symbol des Aufschwungs mit meinem Schlafsack abgesprungen!“ Die Geschichte aus dem bei Eichhorn erschienenen Bändchen „Witze der Wende“ könnte in einem der Filme mit Heinz Erhardt vorkommen, die gerade wieder in Mode sind. Vielleicht auch deshalb, weil sie so viel über unseren Kanzler erzählen.

Die Witzemacher finden wenig Gutes am Kanzler. Sie verhöhnen seine Unfähigkeit, mit unserer und mit fremden Sprachen umzugehen. Sie sprechen von Provinzialität und davon, daß Kohl kein Meisterdenker ist. Auch Führungsqualitäten gestehen sie ihm kaum zu. Das von Hans Traxler herausgegebene Bändchen mit Karikaturen „GmbH & Kohl KG“ zeigt ein kleines, dickes, schwarzes Männchen mit einem birnenförmigen Kopf nachts vor dem Weißen Haus, in dem noch ein Fenster hell beleuchtet ist. Am Nachthimmel schwebt eine Sprechblase: „Baby, it’s Kohl outside.“ Helmut Kohl steht wie der ewige Verlierer da. Es ist, als wäre Heinz Erhardt Kanzler geworden. Seine Schwächen darf er jetzt allerdings nicht mehr zugeben. Wie komiscn, wie wenig souverän und autoritär das enden kann – auch das kann man an den Filmen Heinz Erhardts studieren. Einer heißt „Der Haustyrann“.

Schlimme Folgen für „Mein Taschenbuch“: Oft sind die Witze nicht besser als der Kanzler. Er diktiert ihr Niveau. Fast immer werden sie von den Originalzitaten aus Kohls Reden und den Interviews mit ihm übertroffen. Das ist es auch, was beispielsweise unser Kabarett ruiniert hat. Zu viele Kabarettisten sind an der Macht. Oder war die Affäre um den General Kießling etwas anderes als ein Exposé der Münchner Lach- & Schießgesellschaft über politische Affären, geschrieben in den sechziger Jahren?

Machen wir uns wegen der Flut von Witzen vor allem wegen des Kanzlers keine Sorgen. „Besorgt ruft CDU-Generalsekretär Geißler beim Hausarzt von Helmut Kohl an: ‚Meinen Sie nicht auch, daß die vielen Witze, die über den Bundeskanzler gemacht werden, allmählich an die Grenze seiner psychischen Belastbarkeit gehen?‘ – ,Achten Sie einfach darauf, daß ihm keiner die Pointen erklärt!“

Helmut Schödel