Nur die Grünen können mit dem Ergebnis der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen zufrieden sein. Ein großer Teil ihres Stimmenzuwachses kam erstmals von früheren CDU-Wählern.

Die stärkste Partei bei den nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen ist nicht etwa die SPD: Diesen Superlativ verdient im Grunde die „Partei“ der Nichtwähler, all jene, die weder durch Leistung oder Köpfe noch durch Versprechen oder mahnendes Bitten an die Urnen gelockt werden konnten. Über 4,3 Millionen sind es in diesem größten Bundesland – während nur rund 3,47 Millionen Wähler sich für die Sozialdemokraten und rund 3,45 Millionen für die Christdemokraten entschieden. Die Vertrauensbasis, auf der die „Großen“ agieren, ist dennoch dünner geworden. Der hohe Anteil der Stimmenthaltungen bedeutet auch, daß die Partei der Nichtwähler immer wahlentscheidender wird.

Die großen Sieger sind die Grünen, sie brachten es landesweit auf 8,6 Prozent – das ist noch mehr als bei den Europawahlen im Juni –, rechnet man einige grün-alternative Listenverbindungen hinzu, steigt ihr Anteil gar auf 9,3 Prozent. Bei den Kommunalwahlen 1979 kamen grüne Bewerber auf ganze 1,5 Prozent. Nun sitzen sie in sämtlichen Parlamenten der Kreise und kreisfreien Städte und liegen im ganzen Land vor der FDP.

Woher kommen die grünen Wähler, wem sind sie davongelaufen? Die interessanteste Untersuchung wurde vom Kölner Wahlforschungsinstitut FORSA für den WDR angefertigt. Die Analytiker vergleichen die Ergebnisse der Bundestagswahl 1983 mit denen der jetzigen Kommunalwahl und kommen zu folgendem Ergebnis: 115 000 Wähler kamen von der SPD zu den Grünen, 267 000 von der CDU. Zurück von den Grünen zur SPD aber wanderten 259 000. Der Vergleich mit den Europa-Wahlen zeigt laut FORSA ein ähnliches Ergebnis: Auf einen SPD-Anhänger, der zu den Grünen ging, kamen zwei CDU-Anhänger. Zwischen Juni und September gewannen die Grünen allein 10 Prozent ihrer Wähler von der CDU.

Viel spricht dafür, daß die Grünen nun auch der CDU Wählerstimmen abzapfen. So haben die Sozialdemokraten in ihrem Stammland, dem Revier, diesmal nur minimale Einbußen erlitten, halb so viel wie die 2,4 Prozent Verluste im Landesdurchschnitt. Die CDU dagegen verlor an der Ruhr noch mehr als die durchschnittlichen 4,1 Prozent; die Grünen erreichten hier einige ihrer besten Ergebnisse.

In zehn von insgesamt 23 kreisfreien Städten kamen die Grünen auf über zehn Prozent, in Münster, wo sie schon fünf Jahre im Kommunalparlament sitzen, wurde ihre Arbeit gar mit 15,5 Prozent belohnt Nur in drei kreisfreien Städten – Krefeld, Mönchengladbach und Aachen – gibt es keine rote oder rot-grüne Mehrheit. Ob das Ergebnis in Köln oder Leverkusen, in Düsseldorf oder Wuppertal auf dauerhafte rot-grüne Bündnisse hinausläuft, ist durchaus noch offen. Der Kölner Oberbürgermeister Burger erklärt selbstbewußt, man werde sich die Mehrheiten von Fall zu Fall suchen und – bei den Christdemokraten – wohl auch finden, die Grünen halten ihm frech entgegen: „Kein Kölscher Klüngel ohne uns.“

Die FDP hatte ihren größten Erfolg mit 9,5 Prozent (vorher 10,2) in Bonn. Nur in 28 der insgesamt 54 Kreise schafften die Freien Demokraten die Fünf-Prozent-Hürde, die sie landesweit um zwei Promille verfehlten. Aus den Stadtparlamenten des Ruhrgebiets sind sie mit einer Ausnahme völlig hinausgedrängt. Doch im Köln-Bonner Raum sieht ihre Bilanz gar nicht so schlecht aus: In 52 von 64 Gemeindeparlamenten sind sie vertreten. In Mönchengladbach, Viersen und im Kreis Paderborn gar konnten die Liberalen ein wenig zulegen. Das gelang der CDU in keinem Kreis (der SPD dagegen in Oberhausen, Hamm, Hagen, Duisburg und Köln). Die CDU hielt ihre Hochburgen in den katholischen Provinzen des Münster- und Sauerlandes. Auch hier ging wohl so mancher Bauer, vergrätzt durch Kiechles Agrarpolitik, lieber gar nicht zur Wahl.