Ein unscheinbarer Kratzer auf einer eiszeitlichen Bisonrippe wirft ein völlig neues Licht auf die früheste Besiedlung Nordamerikas. Anthropologen und Geologen prüfen derzeit, ob die Ritzung tatsächlich künstlichen Ursprungs ist. Wenn ja, dann muß die Geschichte der menschlichen Besiedlung der Neuen Welt unter Umständen neu geschrieben werden. Denn radiometrische Datierungen, also die Messung des Zerfalls radioaktiver Elemente wie Kohlenstoff-14, erkennen der Rippe ein vorsintflutliches Alter von über 70 000 Jahren zu. Die ältesten, bislang sicher eingestuften Belege menschlichen Wirkens in der Neuen Welt erreichen kaum die Grenze von 20 000 Jahren.

Richard Morlan, ein Archäologe vom National Museum of Man in Ottawa, hat die bewußte Rippe im hohen Norden Kanadas, im Old-Crow-Becken des Yukon-Territoriums gefunden. Dieses Gebiet ist schon lang? bekannt für seine außerordentliche Fülle von Tierknochen aus der Eiszeit. Wie die neue amerikanische Zeitschrift Mammoth Trumpet in ihrer ersten Ausgabe berichtet, entdeckte Morlan die Rippe zusammen mit einem Bison-Oberschenkelknocnen. Und dessen Alter konnte auf 72 000 bis 77 000 Jahre bestimmt werden.

Morlan gehört zu einer Gruppe kanadischer Wissenschaftler, die seit über zwanzig Jahren die Old-Crow-Region erforschen. Es handelt sich dabei um eine rauhe, schwer zugängliche Landschaft dicht an der Grenze zu Alaska. Heute noch herrscht hier der Dauerfrost. In den vergangenen 12 000 Jahren – seit dem Ende der letzten Eiszeit – hat sich der Old Crow River etwa 90 Meter tief in den gefrorenen Boden hineingeschnitten und dabei eine mächtige Folge von geologischen Schichten freipräpariert.

In einer solchen vom Fluß angeschnittenen Abfolge von Sanden sind die beiden Bisonknochen im Abstand von 20 Metern gefunden worden. Morlan und seine Mitarbeiter fanden außerdem das große Bruchstück eines Mammut-Röhrenknochens, der im frischen Zustand zertrümmert worden sein muß: ein weiterer Hinweis auf frühmenschliche Aktivitäten. Denn kein Raubtier wäre in der Lage, derart kräftige Knochen zu knacken.

Die Bisonrippe ist von Pat Shipman von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore im amerikanischen Bundesstaat Maryland elektronenmikroskopisch untersucht worden. Die Anthropologin, eine Spezialistin für die Unterscheidung künstlicher und natürlicher Spuren auf Knochen, stellte bei ihren Untersuchungen fest, daß der wenige Zentimeter lange, scharfkantige Kratzer nur von Menschen verursacht worden sein kann. Spitze Steinwerkzeuge hinterlassen ganz charakteristische Spuren innerhalb eines Kratzers, an seinen Rändern und seinem Boden. Kein bekannter natürlicher Prozeß könnte eine solche gerade und regelmäßige Struktur erzeugen.

Morlan und Shipman blieb nur die Schlußfolgerung, daß die Bisonrippe von Menschen bearbeitet worden ist. Nordamerika wurde demnach viel früher besiedelt als bislang angenommen.

Theoretischen Rückhalt gibt ihnen der amerikanische Geologe David Hopkins. Er erforscht seit fast 40 Jahren Beringia, das Land zwischen der sibirischen Lena und dem kanadischen MacKenzie. Ihn interessierten besonders die von den Eiszeiten verursachten Meeresspiegelschwankungen. Zunächst ging er davon aus, daß es dem Menschen möglich war, in Zeiten niedriger Wasserstände die Beringstraße trockenen Fußes von Sibirien nach Alaska zu überqueren. Dies war zuletzt vor etwa 18 000 Jahren möglich.