Die „Kritik“, wie Kants Hauptwerk unter Kennern respektvoll genannt wird, ist wohl das berühmteste philosophische Buch in deutscher Sprache. Seinen Titel kennt fast jeder, aber nur wenige wissen, worum es darin eigentlich geht. Kant ist der „Klassiker“ der Philosophie schlechthin, von dem andere Klassiker meinten: „Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung setzt! Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.“ Was Goethe und Schiller auch über sich selbst hätten sagen können, gilt heute noch. Der Schwall von Sekundärliteratur, der sich schon damals (1795) über die 1781 zuerst erschienene „Kritik der reinen Vernunft“ ergoß, ist inzwischen zu einem breiten und immer noch anwachsenden Strom geworden, der in Bibliotheken mündet und den Bibliothekaren Sorgen macht, denn Kant-Bücher sind teuer. Kant hält die „Forschung“ am Leben – nicht umgekehrt – und zahlreiche Forscher in Amt und Brot; ganze Verlage wären längst am Ende ohne ihn, und unsere Studenten sollten ihn gelesen haben. Warum ist das so? Wie gelang es Kant unter der Bürde der Klassikerverehrung nicht zum Denkmal zu erstarren?

Bei der Wahl des Buchtitels bewies Kant eine besonders glückliche Hand; er ist seitdem unzählige Male nachgeahmt worden. „Kritik“ und „Vernunft“ waren die Stichworte der Zeit, der Aufklärungsepoche. Kant sagt: „Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muß“ – also auch die „reine“ Vernunft. Die Idee der reinen Vernunft: das ist nicht platonisch-christlich-protestantisch-preußische Sinnenfeindschaft oder Gefühlsverdrängung, wie Nietzsche behauptete und viele inzwischen nachgeredet haben. Mit geistigem Reinlichkeitsfimmel oder metaphysischem Waschzwang hat Kant schon deswegen nichts zu schaffen, weil er reine Vernunft gerade kritisiert. Gemeint ist damit, was dem Projekt „Aufklärung“ selbst einmal zugrunde gelegen hatte: die Selbständigkeit der Vernunft, ihre Autonomie und Autarkie, d. h. die Unabhängigkeit des menschlichen Denkens von göttlicher Offenbarung und Autorität, und dann seine Kraft, in einer unübersehbar komplexen, chaotischen Welt einer chende und zuverlässige Orientierung zu gewährleisten. So spricht Kant auch von „bloßer“ Vernunft, und als er in einem Spätwerk die Religion in deren Grenzen einzuschließen unternahm, trug ihm dies prompt ein königliches Publikationsverbot ein.

Gleichwohl hat die „Reinheit“ auch etwas mit der Ausgrenzung von Sinnlichkeit zu tun. Kant teilt die mindestens seit Platon vorherrschende Überzeugung der philosophischen Tradition, daß die Sinne trügen und man nur das wirklich wissen könne, was sich dem Denken verdankt. Was sich nur dem Denken verdanken wollte und keiner anderen Instanz, das war die Metaphysik, die Kant einmal als „reine Vernunfterkenntnis aus bloßen Begriffen“ bestimmt. Sie hatte allgemein als Inbegriff des höchsten, wichtigsten und sichersten Wissens gegolten, über das wir verfügen. Kritik der reinen Vernunft ist somit Kritik der Metaphysik, und dies erklärt die unüberschätzbare Wirkung des Kantischen Werkes, die sofort einsetzte, als man begann, es zu verstehen.

Immer hatte man sich bei der Antwort auf „letzte Fragen“ auf das reine Denken verlassen, denn was sollten einen hier schon die Sinne lehren. Wenn die Seele einfach ist, aber nur das, was Teile hat, zerstört werden kann – folgt daraus nicht, daß die Seele unzerstörbar, also unsterblich ist? Hat die Reihe der Ursachen in der Welt notwendig einen Anfang, weil eine Wirkung mit unendlich vielen Ursachen, die ja selbst alle nur wieder Wirkungen wären, effektiv keine Ursache hätte – muß es dann nicht unverursachte Verursachung, d. h. Freiheit geben? Gott als das vollkommenste Wesen kann nicht nicht existieren, weil er dann nicht das vollkommenste Wesen wäre: also existiert Gott – oder nicht? Mit Argumenten dieser Art hatte die Metaphysik vor Kant ihren Anspruch verteidigt, mit bloß gedanklichen Mitteln, ohne Beteiligung der sinnlichen Erfahrung, etwas Sachhaltiges über die Welt herauszufinden und als Wissenschaft zu präsentieren; nichts anderes bedeutet Kants fremdartige Formel „synthetische Urteile a priori“, die im Text so oft vorkommt.

Mit der Metaphysik in diesem Sinne, in der er philosophisch aufgewachsen war, hatte Kant bestürzende Erfahrungen machen müssen. Der Skeptiker David Hume erweckte ihn aus dem „dogmatischen Schlummer“, wie Kant selbst berichtet, d. h., er nahm ihm die naive Sicherheit, daß es sich bei den metaphysischen Gedanken wirklich um Erkenntnis und nicht um bloße Behauptungen handelt. Zudem fiel Kant auf, daß manche Thesen der Schulmetaphysik zwar zwingend beweisbar sind, daß sich nur leider ihr genaues Gegenteil, ebenso zwingend beweisen läßt; folglich konnte da etwas nicht stimmen. Dem Skeptizismus hingegen, für den es nur Behauptungen und niemals Beweise gibt, wollte Kant nicht einfach das Feld überlassen, und er sah auch keine Veranlassung dazu: Gibt es denn nicht beweisbares wissenschaftliches Wissen – z. B. in der Mathematik oder der Physik Galileis und Newtons – und läßt dies nicht hoffen auf eine Metaphysik, „die als Wissenschaft wird auftreten können“, wenn sie solchen Vorbildern folgt?

Der Anstrengung, aus der Alternative „Dogmatismus – Skeptizismus“ herauszukommen, widmete Kant zwölf Jahre seines Lebens. Das Ergebnis war die „Kritik“: der „Traktat von der Methode“ einer jeden künftigen wissenschaftlichen Philosophie. Sie gibt die Grenzen an, innerhalb deren gesicherte Erkenntnis überhaupt möglich sein soll, und sie bestreitet das, was sie nicht respektiert. Kant weist dem Denken notwendige, aber eng begrenzte Aufgaben innerhalb des Erkenntnisprozesses zu, und so gelangt er auch wieder zu einem positiven Begriff von Metaphysik, dessen Bedeutung sich vor allem in der Ethik zeigt. Für die Erkenntnis der Welt aber wie für die Selbsterkenntnis des Menschen bleibt die sinnliche Erfahrung unentbehrlich; genau dies sagt die bekannte. Unterscheidung zwischen Ding an sich und Erscheinung. Erscheinungen sind Gegenstände möglicher Erfahrung; erfahrungsunabhämge „Dinge an sich“ bleiben uns unzugänglich.

Der deutsche Idealismus nach Kant (vor allem Hegel) versuchte, die Kantischen Grenzsetzungen durch eine Kritik der „Kritik“ durchlässig und übersteigbar zu machen; ob dies der Philosophie insgesamt gut bekommen ist, darüber wird bis heute erbittert gestritten (Ein großer Kongreß im Jubiläumsjahr trug den Titel „Kant oder Hegel?“). Alle ernstzunehmenden Philosophen jedoch, auch die Kantkritiker und gerade sie, folgen in ihrer eigenen Praxis der These Kants, daß der „kritische Weg allein noch offen“ sei. Alle wollen kritisch sein; niemand will dogmatisch sein und starke Thesen ohne erkenntnistheoretische Absicherung riskieren. Kants Erkenntniskritik ist so immer noch das große, eindrucksvolle Modell methodischen Vorgehens in der Philosophie unter Bedingungen der Aufklärung; darum ist sie noch nicht „veraltet“. Hier kommt man vielleicht über Kant hinaus, aber niemals an ihm vorbei. Herbert Schnädelbach

Herbert Schnädelbach ist Professor für Philosophie und veröffentlichte u. a. ,,Philosophie in Deutschland 1831–1933“ und „Reflexion und Diskurs. Fragen einer Logik der Philosophie“