Julian Ríos: Wie bist du in den diplomatischen Dienst gekommen?

Octavio Paz: Durch Zufall. Ich fristete damals in Mexiko mein Leben mühsam als Journalist und mit verschiedenen extravaganten Beschäftigungen. Zum Beispiel arbeitete ich eine Zeitlang in der Nationalbank, wo ich Geldscheine zählen mußte, aber alte Geldscheine, die verbrannt werden sollten. Wir waren zehn und wurden dafür bezahlt, daß wir Banknoten zählten, die bereits gestempelt und entwertet waren und darauf in den Ofen wanderten. Es hatte etwas Dämonisches. Ich sah sozusagen die andere Seite der Wirtschaft, das andere Gesicht des kapitalistischen Regimes. Auch den geisterhaften Charakter des Geldes: Geld ist ein Symbol, aber eins, das vernichtet wird. Ich erlebte große Strohfeuer, die Millionen von Pesos verschlangen, welche gar keine Millionen mehr waren, sondern Altpapier.

Ríos: Absurd auch, daß dir damals, wo du es finanziell so schwer hattest, große Geldbeträge durch die Hände gingen, die zu nichts mehr nütze waren.

Paz: Schmutziges altes Papier. Wir konnten uns leicht eine Hautkrankheit holen. Nun ja, die Zeit verging, ich beantragte ein Guggenheim-Stipendium – und erhielt es! Das war mitten im Zweiten Weltkrieg, in der Epoche des großen Bündnisses zwischen Russen und Nordamerikanern. Ich befand mich in einer höchst schwierigen Situation, nicht nur materiell, sondern auch moralisch und politisch. Ich war Mitarbeiter einer linken Arbeiterzeitung, El Popular, doch der Hitler-Stalin-Pakt bestürzte und schmerzte mich. Ich beschloß, mich von der Zeitung zu trennen, und entfernte mich von meinen kommunistischen Freunden. Nach der Ermordung Trotzkijs wurden meine Beziehungen zu ihnen noch schlechter.

Zu allem Überfluß verwickelte ich mich in jenen Tagen auch noch in eine ziemlich bittere Kontroverse mit den Anhängern des „Sozialistischen Realismus“. Die meisten damals waren dafür oder hielten sich heraus. Im Namen der Allianz gegen den Nazismus mußte man alles schlucken. Ich fühlte mich eingeschlossen, in die Enge getrieben. Dann lernte ich Victor Serge, Benjamin Peret und andere revolutionäre Schriftsteller kennen, die es nach Mexiko verschlagen hatte. Diese neuen Freundschaften durchbrachen meine Isolation ein wenig. Doch der Bruch mit meinen alten Freunden hatte mich in einem Zustand zurückgelassen, als wäre mir ein Arm amputiert worden. Außerdem machten mir die Gespräche mit den europäischen Flüchtlingen meine Grenzen und Lücken klar. Jene Freunde entdeckten mir neue Welten. Vor allem, was kritisches Denken bedeutet. Als guter Lateinamerikaner kannte ich die Rebellion, die leidenschaftliche Empörung – nicht aber die Kritik. Ihnen verdanke ich die Einsicht, daß Leidenschaft luzid sein muß.

Ich hatte also das Gefühl, in Mexiko ersticken zu müssen; ich wollte anderswo leben, um nicht an Sauerstoffmangel, Langeweile oder Wut zu sterben. Ein Glück, daß ich das Stipendium bekam; so bin ich in die Vereinigten Staaten geraten. Während des ersten Jahres lebte ich von dem Stipendium, während des zweiten von pittoresken Jobs. Eine Weile war ich in San Francisco, dann in New York. Da ich Geld verdienen mußte, beschloß ich, zur Handelsmarine zu gehen – eine in Kriegszeiten reichlich gefährliche Arbeit. Ich hatte Glück, sie nahmen mich nicht. Einen Sommer lang war ich Professor in Middlebury im Staat Vermont. Ich habe bei der Synchronisierung von Filmen und beim Rundfunk mitgearbeitet. Ich zog im Land herum und war oft vom Pech verfolgt.

Als Folge eines dieser Wendemanöver in der mexikanischen Politik wurde 1945 der Doktor Francisco Castillo Nájera zum Außenminister ernannt, ein alter Revolutionär, der eng mit meinem Vater befreundet gewesen war (ich weiß nicht, ob du weißt, daß mein Vater während der mexikanischen Revolution Anhänger von Zapata war und sein Repräsentant in den Vereinigten Staaten wurde). Castillo Nájera kannte mich, hatte einige meiner Sachen gelesen und schlug mir vor, in den diplomatischen Dienst einzutreten. Ich sagte zu. Im Ministerium hatte ich einen Freund, den Dichter José Gorostiza. So geriet ich nach Paris.