"Sommer 1980", von Marguerite Duras. Drei Monate lang schrieb die französische Autorin und Filmerin Kolumnen für Libération, einen Sommer lang, jede Woche eine; zehn Artikel, die nicht auf Aktualität sich gründen, nicht eingängig kommentieren, nichts Medien-Wichtiges berichten: Marguerite Duras schreibt für die Zeitung, ohne dabei ihren poetischen Blick, ihre Sicht auf die Welt unter die Gesetze des Journalismus zu stellen. Sie beschreibt ihre Gegenwart, dabei gibt es keine Hierarchien: Das schlechte Wetter wird genauso wichtig wie das politische Ereignis, das Kind am Strand ebenso bedeutsam wie der Politiker im Fernsehen. Trotzdem sind das auch Texte zur Geschichte, denn natürlich bestimmen die Ereignisse der Zeit die Zeit der Autorin, ebenso wie das die Geschehnisse vor ihrem Fenster tun. Da beobachtet sie die Ferien-Kinder, unter ihnen vor allem einen traurig aussehenden Knaben mit klugen Augen, der sich in all seinen Reaktionen von seinen Spielgefährten unterscheidet. Von dem Jungen angezogen ist auch eine Betreuerin; eine 18jährige und ein 6jähriger finden sich in sprachloser Übereinkunft, sind miteinander bei sich, erforschen den anderen in liebevoller Neugier, vertrauen einander bis zur Trennung am Ende der Ferien, wo der Knabe abreisen muß und die junge Frau in starrem Schmerz zurückbleibt. Das ist das poetisch beschriebene Ende einer hoffnungslosen schönen Liebe, das Ende aber auch des Sommers, das Ende des Geschriebenen. Und es regnet wieder wie zu Beginn der Ferienzeit. (Aus dem Französischen von Ilma Rakusa; ES 1205, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1984; 106 S., 9,-DM.)

Manuela Reichart

"Im Trug der Schwelle", Gedichte von Yves Bonnefoy. Der Autor, 1923 in Tours geboren, hat Mathematik und Philosophie studiert, gehörte als junger Poet für drei Jahre dem Kreis der Surrealisten an, suchte dann eigene Wege und schuf ein Werk, das hermetisch, kühl, doch unterschwellig von starkem Gefühl ist. Der Übersetzer Friedhelm Kemp weist hin auf die Dialektik von Begier und Angst, Freiheit und Gesetz, Entfesselung und Bändigung sowie von arkadischem Glücksverlangen und tragischem Bewußtsein. Bonnefoy sieht in den konkreten Gegenständen der Welt nur Zeichen der "Spaltung". Obwohl er auf dem Augenblick der Gegenwart besteht, geht es ihm weniger um die äußeren Erscheinungen als um das, was diese im schöpferischen Subjekt bewirken. Er sucht "die tiefen Wörter". Nicht das Sinnliche der Dingwelt fasziniert, sondern – der spirituelle "Aufriß". "Im Trug der Schwelle ", ein zusammenhängendes Werk in sieben großen Gesängen, ist Bonnefoys vierter sein bisher anspruchsvollster Gedichtband. Bonnefoy bedarf des ernsthaften Lesers, der bereit ist, sich in ein Werk einzuarbeiten. Was sich erschließt, ist eine mythische Wirklichkeit, jedoch bereits erkaltet durch die Begegnung mit einer wissenschaftsgeschulten Vernunft. Eine Poesie, in der sich das Beispielhaft-Einzelne erst auf dem Umwege über die Poetik einstellt. Dichtung als Nachvollzug einer esoterischen Dichtungstheorie. (Französisch und Deutsch; Übertragung und Nachwort von Friedhelm Kemp; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1984; 159 S., 44,– DM.) Hans-Jürgen Heise

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"Von Monet zu Picasso"; "Marx. Picasso", von Max Raphael. Dieser Philosoph und Kunsthistoriker, 1889 geboren, der sich 1952 im amerikanischen Exil das Leben nahm, ist einer der Begründer einer materialistischen Kunsttheorie. Er kam immer einen Moment zu früh, und deshalb immer zu spät, selbst noch nach seinem Tod. Als in den späten sechziger Jahren die Diskussion um die materialistische Ästhetik wieder auflebte, auch Raphael wieder entdeckt wurde, da blieben seine Werke unzugänglich, verschollen. Als 1974 seine "Theorie des geistigen Schaffens auf marxistischer Grundlage" endlich neu aufgelegt wurde, war es bereits zu spät. Raphael wurde (fast) wieder vergessen. Nun hat sich jetzt der kleine, rührige Qumran Verlag die ehrgeizige Aufgabe gestellt, Raphaels Werk öffentlich zugänglich zu machen. Die Ausgabe ist zunächst auf vier Bände angelegt, die ersten beiden sind erschienen. Und die Bedingungen scheinen günstig. Denn "Von Monet zu Picasso", 1913 erstmals publiziert, zuvor (also: wieder zu früh!) von Wölfflin, dem Kunsthistoriker, als Dissertation abgelehnt, trifft in das Zentrum einer aktuellen Diskussion. Der schöpferische Trieb, den Raphael da eingangs entwickelt, ist sicher nur eine vorläufige (und nicht befriedigende) Antwort auf die Frage nach dem Bewegungsgesetz der Moderne, voran der modernen Malerei. Klaus Binder, der Herausgeber dieser überaus sorgfältigen Edition, weist in seinen kenntnisreichen, aber auch kritischen Einleitungen zu Recht darauf hin, daß wir – heute – anders, umgekehrt fragen müssen, auf welche Probleme, auf welche Situation Raphael zu antworten versucht. (Herausgegeben von Klaus Binder; Qumran Verlag, Frankfort, 1983; 240 S., 29,80 DM; 160 S., 22,– DM.) W. Martin Lüdke